Šviha, Karel

Šviha Karel, Politiker und Jurist. Geb. Neubydžow, Böhmen (Nový Bydžov, CZ), 11. 6. 1877; gest. Prag, Tschechoslowakei (Praha, CZ), 29. 6. 1937; röm.-kath.

Sohn eines Gerichtsbeamten. – Š. war bereits als Student in der tschech. Fortschrittsbewegung der 1890er-Jahre aktiv und trat nach 1900 der tschech. national-sozialen Partei bei. Nach dem Jusstud. an der tschech. Univ. Prag (1900 Dr. jur.) arbeitete er ab 1903 als Gerichtsadjunkt in Komotau (Chomutov) bzw. Brüx (Most) und wurde 1908 zum Richter, 1911 zum Bez.richter in Senftenberg (Žamberk) berufen. Dort gehörte er der Gmd.vertretung an und wurde später zudem Bez.obmann. 1908–13 Abg. des böhm. LT und 1909–14 des RR, stieg er rasch in der Prager Leitung der national-sozialen Partei auf und war ab 1911, zeitweise gem. mit →Václav Klofác, Obmann des tschech. national-sozialen Klubs im Abg.haus. 1910–14 war er Mitgl. der Národní rada ceská (NRC), der polit. Dachorganisation der tschech. Parteien. Š. wurde im März 1914 von der konkurrierenden Freisinnigen Nationalpartei bzw. von der jungtschech. Ztg. „Národní listy“ fälschl. beschuldigt, als bezahlter Konfident der Prager Staatspolizei unter dem Decknamen „Wiener“ Berr. über die tschech. Parteien geliefert zu haben („Š.-Affäre“). Die NRC veranstaltete ein polit. Gerichtsverfahren, in dem Š., ebenso wie von der tschech. Presse und Öffentlichkeit, als „nationaler Verräter“ verurteilt wurde. Daraufhin trat er im März 1914 von allen polit. Ämtern zurück und verlor auch den von ihm angestrengten Verleumdungsprozess gegen die jungtschech. Presse. Obwohl Š. als Konfident mit einer anderen Person verwechselt worden war, zeigte sich, dass er über mehrere Jahre hinweg Erzhg. →Franz Ferdinand über die tschech. Politik informiert, dessen Unterstützung für tschech. verfassungspolit. Reformvorstellungen gesucht sowie Subventionen für seine Partei erhalten hatte. Dies dürfte erklären, warum sich Š. nur sehr zurückhaltend verteidigte. In der hist. und germanist. Forschung ist strittig, in welchem Maße →Franz Kafka durch die „Š.-Affäre“ zu seinem Roman „Der Prozess“ inspiriert wurde. Š. arbeitete 1914–18, tw. unter fremden Namen, u. a. als Angestellter eines Prager Patentanwalts, dann als Rechtsberater des Prager Ind.unternehmens Waldes und schließl. als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei in Komotau. Ungeachtet seiner jurist. Rehabilitierung nach 1918 engagierte er sich in der Tschechoslowakei nicht mehr polit., sondern wandelte sich zu einem strenggläubigen Katholiken. Auf seinen Namen geht u. a. auch das tschech. Wort „prušvih“ (Debakel) zurück.


Werke: O Mistru J. Husovi, jeho dobe a významu, 1909; Beitrr. in Parteiztg. und Parteiz. wie Ceské slovo, Ceská demokracie; etc.
Literatur: Freund, 1911 (m. B.); Otto, Erg.Bd.; M. Paulová, Dejiny Maffie 1, 1937, S. 71ff.; Burici a tvurci, ed. B. Šantrucek, 1947; J. Galandauer, in: Sborník k dejinám 19. a 20. století 6, 1979, S. 155ff.; F. Klátil, Republika nad stranami, 1992, S. 61ff.; J. Cermák, in: Nach erneuter Lektüre: F. Kafkas Der Proceß, ed. H. D. Zimmermann, 1992, S. 67ff.; J. Tomeš u. a., Ceský biografický slovník XX. století 3, 1999; M. Kelly, in: Nationalities papers 27, 1999, S. 175ff.; B. Nuska – J. Pernes, Kafkuv proces a Š. aféra, 2000 (m. B.); P. Marek, in: T. G. Masaryk na prelomu tisíciletí, 2001, S. 63ff.; R. Luft, Parlamentar. Führungsgruppen und polit. Strukturen in der tschech. Ges. 1907–14, 2, phil. Diss. Mainz, 2001 (m. L.); J. Pernes, in: J. Kocian u. a., Ceské prušvihy aneb Prohry, krize, skandály a aféry ceských dejin let 1848–1989, 2004, S. 35ff. (m. B.).
Autor: (R. Luft)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 63, 2012), S. 71f.

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