Stojałowski, Stanisław

Stojalowski Stanislaw, Politiker, Geistlicher und Publizist. Geb. Zniesienie, Galizien (L’viv, Ukraine), 14. 5. 1845; gest. Krakau, Galizien (Kraków, Polen), 23. 10. 1911; röm.-kath.

Aus einer verarmten Adelsfamilie stammend, Sohn eines Zollbeamten und Pächters eines adeligen Gutshofs. – S. besuchte 1863–67 das Jesuitennoviziat in Stara Wies bei Brzozów, dann bis 1870 das Jesuitenkolleg in Krakau; 1870 Priesterweihe. 1872–73 stud. er am Jesuitenkolleg in Drongen bei Gent, wo er die christl.soziale Idee kennenlernte. 1875 wurde er auf eigenen Wunsch Weltpriester und war als Vikar in Gródek (Horodok) tätig. Gleichzeitig kaufte er die in Lemberg (L’viv) erscheinenden Z. „Wieniec“ und „Pszczólka“, in denen er sich für die polit. und wirtschaftl. Rechte der Landbevölkerung sowie für den Genossenschaftsgedanken einsetzte. Obwohl er Kritik am Landadel zu vermeiden versuchte, geriet er bald in Konflikt mit den poln. Konservativen in Galizien und mit den Behörden, der sich in mehreren Geldstrafen und der Beschlagnahmung seiner Z. niederschlug. 1877 berief S. eine Bauernkundgebung nach Lemberg ein, die danach jährl. dort stattfand, und gründete 1878 die Ges. Towarzystwo Oswiaty Ludowej, um die Bildung der Bauern zu fördern. 1880 wurde er Pfarrer in Kulików (Kulykiv), wo er Bildungskurse für Erwachsene organisierte. Seine steigende Popularität und seine Absicht, bei den Wahlen zum galiz. LT sowie für den RR zu kandidieren, verursachten weitere Repressionen der galiz. Führungsorgane und der kirchl. Behörden. 1888 wurden S. die Bürgerrechte tw. entzogen, und er wurde von der Kirche suspendiert. Um weitere Probleme zu vermeiden, verlegte er die Red. seiner Z. nach schles. Teschen (Cieszyn) und 1892 ins oberung. Csaca (Cadca). 1893 gründete er die Bauernpartei Zwiazek Stronnictwa Chlopskiego und 1896 die christl. Volkspartei Stronnictwo Chrzescijansko-Ludowe. Damals begann auch die Zusammenarbeit mit der CSP unter Lueger (s. d.). Aufgrund des Konflikts mit den Konservativen Galiziens und der kirchl. Macht wurde S. 1896 exkommuniziert, worauf er eine Kooperation mit den galiz. Sozialdemokraten einging. Nach dem Widerruf seiner antiklerikalen Artikel 1897 wurde die Exkommunikation aufgehoben. S., der nun die Zusammenarbeit mit den Konservativen suchte, war 1898–1900 und 1907–11 RR-Abg. 1899 übersiedelte er nach Bielitz, 1904 in das galiz. Biala (beide heute Bielsko-Biala). S. scheute nicht vor populist., antisemit. und panslawist. bzw. russophilen Akzenten in seiner Publizistik zurück, wofür er der Kollaboration mit der russ. Polizei verdächtigt wurde, die ihm auch in den Presseprozessen von 1899 tw. nachgewiesen wurde. Ab 1900 Abg. des galiz. LT, brach er 1909 die polit. Zusammenarbeit mit den Konservativen ab und schloß ein Bündnis mit der demokrat. Nationalpartei Stronnictwo Demokratyczno-Narodowe. S. gilt als Bahnbrecher der poln. Volksbewegung, der die Massen für das polit. Leben Galiziens mobilisieren konnte.


Literatur: PSB (m. W. u. L.); A. Staudacher, in: Röm. Mitt. 25, 1983, S. 165ff.; K. Turowski, Historia ruchu chrzescijansko-demokratycznego w Polsce 1–2, 1989; Slownik biograficzny katolickiego duchowienstwa slaskiego XIX i XX wieku, red. M. Patera, 1996; R. Szaflik, in: Dzialalnosc polityczna ruchu ludowego 2, red. S. Dabrowski, 1996; A. Kudlaszyk, Ksiadz S. S., 1998; H. Binder, Galizien in Wien, 2005, s. Reg.; Enc. „bialych plam“, red. M. R. Górniak, 2005.
Autor: (T. Latos)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 61, 2009), S. 304

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