Sichrovsky, Heinrich Joachim von

Sichrov(w)sky Heinrich Joachim von, Eisenbahnfachmann, Verwaltungsbeamter und Literat. Geb. Wien, 12. 6. 1794; gest. Baden (NÖ), 10. 7. 1866; mos.

Sohn des Wr. Handelsmannes Moses (geb. 1763; gest. Wien, 17. 7. 1822) und der Elisabeth, geb. Kuh (geb. Prag, Böhmen / Praha, Tschechien, 1766; gest. Wien, 13. 11. 1838), Bruder von Joseph S. (s. d.), ab 1847 verehel. mit Babette, geb. Kohn (geb. Wien, 13. 2. 1821; gest. ebd., 2. 2. 1878). Nach Absolv. des Gymn. und der Realakad. bei St. Anna in Wien trat S. in das Wr. Großhandels- und Bankhaus H. Biedermann´s Söhne ein, das mit dem Bank- und Wechselhaus von S. M. v. Rothschild (s. d.) assoziiert war, und erhielt bald die Prokura. Auf einer seiner zahlreichen Reisen durch Europa, die er auch ausführl. in seinen Tagebüchern beschrieb, lernte S. 1831 in England die dampfgetriebene Eisenbahn und deren Vorteile gegenüber dem Pferdezug kennen. Für den Entwurf des ersten Organisationsstatuts der ältesten Lokomotiveisenbahn in Österr. klärte er die wirtschaftl. Aspekte, mit Riepl (s. d.) die techn.-administrativen Voraussetzungen und publ. 1834 ein diesbezügl. „Promemoria über die Anlage, Unterhaltungskosten und Frachtquantum“. Nachdem Rothschild trotz anfängl. heftiger Gegnerschaft 1836 das Privilegium zum Bau der ersten Lokomotivbahn in Österr. auf der Strecke zwischen Wien und den Salzbergwerken von Bochnia (Galizien) mit Erlaubnis einer Aktienges. zur Finanzierung erhalten hatte, wurde S. erster Generalsekr. der als „k. k. ausschl. priv. Kaiser Ferdinands-Nordbahn“ bezeichneten Linie, die ab 1837 mit der engl. Lokomotive „Austria“ zwischen Floridsdorf (Wien 21) und Dt. Wagram (NÖ) befahren werden konnte. S. suchte 1844 erfolglos um eine Konzession für eine „atmosphärische Eisenbahn“ an, die teils einer Hochbahn, teils bis in Einzelheiten der späteren Wr. Stadtbahn nach Hütteldorf entsprach; gleichfalls keine Genehmigung erhielt er 1845 zur Gründung einer „Anglo-Austrian Railway-Company“ als gem. Aktienges. oder 1855 für die geplante Westbahn von Stockerau durch das Donautal über Linz nach Salzburg. 1864 in die Dion. der Nordbahn gewählt, war S. ein unerbittl. Gegner der Staatseisenbahn-Ges. (Konzessionsstreit) mit deren Plänen zum Aufbau eines Erg.netzes. Polit. konservativ, erhielt S. 1850 als einer der ersten Juden das Wr. Bürgerrecht, wurde u. a. 1866 mit dem Orden der Eisernen Krone III. Kl. ausgez. und nob. Im Rahmen der israelit. Gmd. Wiens galt S. als Reformer, war bereits ab 1819 Leiter verschiedener sozialer Einrichtungen (u. a. Chewra Kadischa, Gemulath chesed-Ver.), 1825 im Ausschuß für den Bau und ab 1830 Vorsteher des Bethauses in der Seitenstettengasse (Wien 1); in der Folge war er einer der Hauptgründer des Großen Tempels in der Leopoldstadt (Wien 2). Ab 1838 Sekr. und 1843–60 Vertreter des Vorstandes der jüd. Gmd., sorgte S. neben der Förderung des Schulunterrichts und Gründung des israelit. Handwerkerver. für Reformen und richtete 1848 eine Petition „um vollständige Gleichstellung aller Glaubensbekenntnisse“ an den K. Auch am geselligen Leben nahm S., der mit Vorliebe in Künstlerkreisen verkehrte, regen Anteil; so beteiligte er sich u. a. 1816 an der Gründung der literar.-geselligen Wr. Künstlerges. „Ludlamshöhle“ und war nach deren Aufhebung (1826) Mitgl. ähnl. Vereinigungen, z. B. der 1855 gegründeten „Grünen Insel“. S. betätigte sich als Dichter von Oden und Balladen, humorist. Traktaten, satir. Epigrammen und als Vortragender von Stegreifliedern. Er beteiligte sich auch an den Juxbll. seines Bruders mit Beitrr. (u. a. „Dummologie“, 1826). S.s Tochter Elise (geb. Wien, 12. 9. 1848; gest. ebd., 15. 3. 1929), ab 1869 mit Th. Gomperz (s. d.) verehel., war Förderin sowie Patientin von Freud (s. d.), mit dem sie einen jahrelangen Briefwechsel führte. Seine jüngere Tochter Sophie (geb. Wien, 1851; gest. ebd., 9. 5. 1910) heiratete 1883 den Berliner Chemiker Hans Jahn, einen Großneffen des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn.


Werke: Reisetagebücher. Notizen, gesammelt auf einer Reise ..., 5 Bde., 1829ff.; Das Project der Wien-Bochnia-Eisenbahn, in techn., commercieller und finanzieller Hinsicht beleuchtet, 1836 (gem. mit F. X. Riepl); Briefe, Bänkelgesänge, Gelegenheitsged. und -lieder (alle Hss.smlg., WStLB, Wien). – Red.: Der Spürhund, 1819; etc.
Literatur: Die Presse, 18. 10. 1862, 18., NFP, 12., 14. 7. 1866; Geschichte der Eisenbahnen 1/1, S. 132ff. (mit Bild); Wininger; Wurzbach; G. Wolf, Vom ersten zum zweiten Tempel. Geschichte der israelit. Cultusgmd. in Wien (1820–60), 1861, S. 69ff.; E. Kafka, Eisenbahn-Angelegenheiten und Personalien in lexikal. Form, 1885; S. Jahn-Sichrovsky, Zum hundertsten Geburtstag von H. S., 1894 (mit Bild); Beschreibender Kat. des ... Mus.der österr. Eisenbahnen, 1902, Nr. 72ff., 158f., Nachtrag 1910, Nr. 1878; I. F. Castelli, Memoiren meines Lebens 2, ed. J. Bindtner (= Denkwürdigkeiten aus Altösterr.10), 1914, s. Reg.; B. Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien 2 (= Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Dt.-Österr. 4), 1917, s. Reg.; Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Wien, ed. A. F. Pribram (= Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Dt.-Österr. 8/2), 2, 1918, s. Reg.; H. Jäger-Sunstenau, Die geadelten Judenfamilien im vormärzl. Wien, phil. Diss. Wien, 1950, S. 170f.; P. Mechtler, in: Wr. Geschichtsbll. 13, 1958, S. 60ff.; K. Gladt, in: Österr. und die angelsächs. Welt, ed. O. Hietsch, 2, 1968, S. 139ff. (mit Bild); A. Horn, Die K.-Ferdinands-Nordbahn (= Die Bahnen Österr.-Ungarns 2), 1971, S. 2ff.; Th. Gomperz. Ein Gelehrtenleben im Bürgertum der Franz-Josefs-Zeit, ed. R. A. Kann (= Sbb. Wien, phil.-hist. Kl. 295 = Veröff. der Komm. für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts 14), 1974, s. Reg.; H. Sichrovsky, Mein Urahn – der Bahnbrecher, 1988 (mit Bild); N. Reisinger, F. Riepl und seine Bedeutung für die Entwicklung des österr. Eisenbahnwesens, phil. Diss. Graz, 1999, S. 57; AdR, AVA, HHStA, IKG, WStLA, WStLB, alle Wien; Mitt. Bernhard Neuner, Wien.
Autor: (M. Martischnig)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 221f.

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