Seiller, Johann Kaspar Frh. von

Seiller Johann Kaspar Frh. von, Politiker und Jurist. Geb. Marburg, Stmk. (Maribor, Slowenien), 20. 10. 1802; gest. Wien, 10. 2. 1888.

Sohn eines Hof- und Gerichtsadvokaten, Vater von Alois v. S. (s. d.) Großvater von Ernst Kaspar v. S. (s. u. Alois v. S.). Nach Absolv. des Gymn. in seiner Heimatstadt besuchte S. in Graz die phil. und drei Jgg. der jurid.-polit. Stud., ehe er 1820 an die Univ. Wien wechselte (1826 Dr. jur.). Zur Finanzierung seines Stud. war S. auch zeitweilig als Erzieher im Haus von Gf. Harrach tätig. Ab 1831 führte er als Hof- und Gerichtsadvokat, ab 1832 auch als Notar eine Kanzlei in Wien. Daneben war er Dion. mitgl. des Wr. allg. Witwen- und Waisen-Pensionsinst. (ab 1833) und Mitgl. anderer zahlreicher humanitärer Ver. Wiens. Zudem verwaltete er 1836–43 als Thesaurar die Finanzen der jurid. Fak. der Univ. Wien und war 1843–46 Dekan. Als Mitgl. des jurid.-polit. Lesever. polit. engagiert, gehörte er dem anläßl. der Märzrevolution 1848 von Bgm. Czapka (s. Czapka v. Winstetten) gebildeten, aber gegen diesen agierenden Bürgerausschuß ebenso an wie dem im Mai 1848 konstituierten Gmd.ausschuß, dessen stellv. Präs. und Präs. (ab August) er wurde. Im Oktober 1848 wurde S. in den Gmd.rat gewählt, der an die Stelle des Gmd.ausschusses trat. Während der Oktoberrevolution aus Wien geflüchtet, wurde er nach seiner Rückkehr im Dezember 1848 und neuerl. im Februar 1849 zum Präs. des Gmd.rats gewählt und übte als solcher prakt. die Funktion des Bgm. aus. Er gehörte auch dem 1850 neu bestellten Gmd.rat an, der den mittlerweile als konservativ geltenden S. im Jänner 1851 zum Bgm. wählte. Unter S.s Führung wurden die Reorganisation der städt. Ämter in Angriff genommen und die Eingemeindung der Vorstädte durchgeführt. In die Amtszeit S.s fiel auch eine Reihe von infrastrukturellen Maßnahmen, die mit den Eingemeindungen, aber auch mit der als Konsequenz daraus 1858 in Angriff genommenen Niederlegung der Fortifikationen und der raschen Bevölkerungszunahme zusammenhingen. Weitere Aktivitäten umfaßten den Ausbau des (Alten) Rathauses, Baumaßnahmen an St. Stephan, die Wiederbegründung der 1780 aufgelassenen Stadtbibl., 1856, oder die Schaffung des Stadtparks ab 1860. Bes. Anforderungen stellten etwa die Bekämpfung der Choleraepidemie, 1855, oder die ungewöhnl. harten militär. Erfordernisse im Rahmen des Kriegs von 1859. Alle diese Maßnahmen waren allerdings mit Steuererhöhungen verbunden. Da während des Neoabsolutismus der Gmd.rat auf Aufforderung der Regierung im Amt bleiben mußte, erfolgten erst 1861 Neuwahlen. In einem heftigen Wahlkampf warfen die Liberalen S. vor, ohne Wahlen im Amt geblieben und den staatl. Instanzen gegenüber zu willfährig gewesen zu sein. S. betrachtete es aber als sein Verdienst, daß er den Gmd.rat als einziges demokrat. legitimiertes Gremium in dieser Phase vor der Einsetzung nicht gewählter Amtsträger seitens der Regierung bewahrt hätte. Er verzichtete auf eine neuerl. Kandidatur und wurde im April 1861 vom nö. Statthalter auf eigenes Ersuchen vom Amt des Bgm. enthoben. Nach seinem Rückzug ins Privatleben betätigte er sich u. a. als Administrator der Donaudampfschiffahrtsges. und als Vertrauensmann der Hypothekarkreditabt. der österr.-ung. Bank. 1849 wurde er in den Ritterstand, 1860 in den Frh.stand erhoben.


Literatur: NFP, NWT, 11. 2. 1888; Czeike; Wurzbach; R. Till, Das Wr. Bgm.amt in seinen bekanntesten Vertretern, (1946), S. 26ff.; A. Urbanschütz, Dr. J. K. Frh. v. S., phil. Diss. Wien, 1953; F. Czeike, Wien und seine Bgm., 1974, s. Reg.; Hdb. der Stadt Wien 99, 1984/85, S. II/233;M. Seliger – K. Ucakar, Wien. Polit. Geschichte 1740–1934, 1 (= Geschichte der Stadt Wien 1), 1985, S. 238, 310; R. Perger, in: Wr. Bgm. und die Josefstadt, red. E. Faber (= Berr., Mitt. und Notizen/Bezirksmus. Josefstadt 3), Wien 1996, S. 6ff. (Kat.).
Autor: (K. Fischer)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 140f.

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  • geboren in > Marburg an der Drau
  • gestorben in > Wien