Schreiner, Gustav Franz Xav. von

Schreiner Gustav Franz Xav. von, Staatswissenschaftler und Politiker. Geb. Preßburg/Pozsony, Oberungarn (Bratislava, Slowakei), 6. 8. 1793; gest. Graz (Stmk.), 1. 4. 1872.

Führte ab 1815 seinen Firmnamen Gustav als ersten Vornamen. Sohn des Riemermeisters, Mitgl. des äußeren Rats und Stadtvormunds (Vertreter der Bürgerschaft im inneren Rat) Franz Xav. S., Vater von Adolf v., Gustav Frh. v. und Moriz v., Großvater von Emerich v. S. (alle s. d.) und Friedrich Karl Gustav v. S. (s. u. Emerich v. S.). Er besuchte das Gymn. in Preßburg, 1804–05 jenes in Trentschin/Trencsén (Trencín), trat 1806 in das Priesterseminar in Preßburg ein, war 1811 im Seminar von Tyrnau/Nagyszombat (Trnava) und begann 1812 das Theol.Stud. an der Univ. Wien, wechselte aber im selben Jahr zum Jusstud. über, das er 1815 beendete; 1824 Dr. jur. Schon während dieser Zeit zeigte er bes. Fähigkeiten für die Staatswiss., sodaß er von seinen Lehrern Johann Zizius und Heinrich Watteroth an der Theresian. Ritterakad. bzw. an der Univ. Wien als Supplent verwendet wurde. Als solcher trug S. u. a. Politik und polit. Gesetzeskde. vor, 1817–18 am Theresianum als suppl. Prof. in Vertretung Watteroths. 1820–28 war S. Prof. der Statistik, der Politik, des österr. Staatsrechts und der österr. polit. Verwaltungsgesetzkde. am Lyzeum von Olmütz (Olomouc), bis er 1828 zum o. Prof. der polit. Wiss., österr. polit. Gesetzkde. und Statistik an der Univ. Graz ernannt wurde; diesen Lehrstuhl hatte er bis 1871 inne, war 1854–55, 1863–64 Dekan, 1851–52 Rektor. Als akadem. Lehrer war S. hoch angesehen und bei den Studenten sehr beliebt, bes. seine Vorlesungen über Volkswirtschaftslehre, Finanzwiss., Verfassungs- und Verwaltungspolitik waren sehr erfolgreich. In seinen zahlreichen Veröff. beschäftigte er sich als Statistiker fast ausschließl. mit den „naturwissenschaftlichen“ Aspekten seiner Wiss. Bes. hervorzuheben sind dabei seine Beitrr. für die 8. Aufl. des Brockhaus-Konversationslex. (1833–37), die Artikel in Rotteck–Welckers Staatslex. (1835–48) und in Ersch–Grubers Allg. Enc. der Wiss. und Künste (1864–68). Ein großer Freund und Kenner Italiens, das er oftmals bereiste, konnte er sein Projekt einer großen hist.-topograph. Darstellung Venedigs jedoch nicht verwirklichen. Von seinen zahlreichen Beitrr. zur steiermärk. Landeskde. sind bes. seine 1843 selbständig erschienene Arbeit „Grätz. Ein naturhist.- statist.-topograph. Gemälde dieser Stadt und ihrer Umgebungen“ und seine Kontroverse mit Hammer-Purgstall (s. d.) bezügl. der richtigen Schreibweise von Graz zu nennen (S. trat für die Schreibweise Grätz ein und bestritt die Ableitung des Namens aus dem Slaw.). Bes. hervorzuheben ist seine Red.Tätigkeit (gem. mit anderen) bei der „Steyermärkischen Zeitschrift“, 1833–48, zu der ihn Erzhg. Johann (s. d.) berufen hatte; er war auch lange Jahre hindurch polit. Korrespondent der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“. Der Beginn von S.s polit. Engagement ist mit dem Revolutionsjahr 1848 verknüpft. Er war von Mitte März bis Ende Juli (ab Mai mit seinen Söhnen Adolf und Moritz als Red.) verantwortl. Red. der „Gratzer Zeitung“, Kommandant der akadem. Legion, Vertreter der Univ. im stmk. Landtag und Mai 1848 bis April 1849 Mitgl. der Frankfurter Nationalversmlg. (Fraktion Württemberger Hof, der auch Giskra, s. d., angehörte, später Augsburger Hof), in der er im permanenten Verfassungsausschuß sehr aktiv war. Nach seiner Rückkehr nach Graz konzentrierte S. sein öff. Wirken zunächst auf den innerösterr. (später stmk.) Gewerbever., zu dessen Geschäftsführer er 1837 von Erzhg. Johann bestellt worden war, eine Funktion, die er bis 1865 innehatte. 1861 wurde er, ohne kandidiert zu haben, in den stmk. Landtag gewählt, dem er (Obmann des Finanzausschusses) bis 1870 angehörte. Seine liberale Gesinnung, die er in Wort und Schrift nicht verhehlte, und seine Frankfurter Tätigkeit scheinen der Grund gewesen zu sein, daß S. erst spät auch staatl. Anerkennung für seine Verdienste fand: Er erhielt 1867 den Orden der eisernen Krone III. Kl. und wurde 1868 nob.; 1871 machte ihn die Stadt Graz zu ihrem Ehrenbürger.


Werke: W. (s. u. das Verzeichnis bei F. Ilwof): Grätz …, gem. mit A. Muchar, F. Unger und Ch. Weiglein, 1843, Nachdruck 1977; Ueber die heut zu Tage einzig richtige Schreibung des Namens der Stadt Grätz, in: Steyermärk. Z., NF 7, 1844, H. 2; Artikel und Aufsätze in Hormayrs Archiv …, Allg. Cal. für die kath. Geistlichkeit, Steyermärk. Z., Oesterr. Z. für Rechts- und Staatswiss., Jenaische allg. Litteratur-Ztg., usw. Hrsg.: Allg. Cal. für die kath. Geistlichkeit 1–5, 1832–36.
Literatur: Tagespost (Graz), 1.–3., N. Fr. Pr., 2. 4. 1872; ADB; Wurzbach; F. Ilwof, in: Mitth. des hist. Ver. für Stmk. 21, 1873, Gedenkbuch, S. 1ff. (mit Schriftenverzeichnis); A. Ficker, in: Statist. Ms. 2, 1876, S. 60f., 67ff.; F. v. Krones, Geschichte der Karl Franzens-Univ. in Graz, 1886, s. Reg.; R. Walter, in: Jurist. Bll. 88, 1966, S. 548f.; K. Ebert, Die Grazer Juristenfak. im Vormärz (= Grazer Rechts- und Staatswiss. Stud. 22), 1969, s. Reg.; H. Hutar, Die Verfassungsfragen im stmk. Landtag (1868–73), phil. Diss. Graz, 1971, s. Reg.; UA Wien.
Autor: (H. Reitterer)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 52, 1997), S. 208f.

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