Schreyvogel, Joseph

Schreyvogel Joseph, Ps. Thomas West, Karl August West, Journalist, Schriftsteller und Theatersekretär. Geb. Wien, 27. 3. 1768; gest. ebenda, 28. 7. 1832.

Jüngster Sohn eines wohlhabenden Holzhändlers. S. besuchte 1779–83 das Piaristengymn. in Wien, absolv. danach die phil. Jgg. und begann ein Jusstud. an der Univ. Wien. Der Tod des Vaters, 1784, dürfte am Abbruch des Stud. und der folgenden Lebenskrise S.s Schuld getragen haben, die er durch die Lektüre Kants, die ihn auch sein gesamtes künftiges Leben begleiten sollte, bewältigte. So gehörte S. zu den ersten Kantrezipienten im Raum der Donaumonarchie und war auch als Journalist im Sinn der Aufklärung tätig. Zwischen 1789 und 1794 lieferte er Beitrr. zu Leopold Alois Hoffmanns „Wiener Zeitschrift“ und für Johann Bapt. v. Alxingers „Österreichische Monathsschrift“ (1794 auch Mithrsg.). Letzterer empfahl S., der durch pointierte Streitschriften in den Dunstkreis der „Jakobinerverschwörung“ geraten war, im Oktober 1794 an Wieland nach Jena, wo S. Kontakte u. a. zu Goethe, Friedrich Schulz und Johann Gottfried Schütz pflegte und auch tw. seine Stud. fortsetzte. S. publ. in Schillers „Neue Thalia“ (das Drama „Die Wittwe“, 1795) sowie in Wielands „Der Neue Teutsche Merkur“ (den vermutl. auf Anregung Schulz’ entstandenen Briefroman „Der deutsche Lovelace“, 1795–96) und arbeitete an der Jenaer „Allgemeinen Litteratur-Zeitung“ mit. 1796 nach Wien zurückgekehrt, legte er zwei Jahre später einen spektakulären Reformplan zur „Wiener Zeitung“ vor, der jedoch abgelehnt wurde. Von Februar 1807 bis Dezember 1808 gab er nach engl. Vorbild die moral. Ws. „Das Sonntagsblatt oder Unterhaltungen von Thomas West“ heraus, wobei er sein allg. anerkanntes Bl., für das er einen Großtl. der Artikel selbst verfaßte, auch als Forum für seinen literar. Kampf gegen die Romantiker benützte. Bereits 1802 hatte S. in Wien gem. mit anderen (etwa Josef Sonnleithner) das „Kunst- und Industrie-Comptoir“ gegründet, ein Unternehmen großen Stils (u. a. wurden hier Werke Beethovens verlegt), das jedoch, durch den polit. und wirtschaftl. Zusammenbruch der Monarchie mitgerissen, 1813 den Konkurs anmelden mußte. S. verlor damit auch sein gesamtes privates Vermögen und sah seinen letzten Ausweg in einem Selbstmordversuch. Der Sorge um seine Existenz wurde er 1814 durch eine Anstellung als Theatersekretär bei den Hoftheatern in Wien enthoben, bei denen er bis 1832 mit wechselnden Kompetenzen in Diensten stand. Als versiertem Theatermann gelang ihm der Balanceakt zwischen Werktreue und Beschränkungen der Zensur (wobei es bemerkenswert ist, daß er selbst 1817–25 als Aushilfszensor wirkte). Die „Ära S.“ war bes. für das Hofburgtheater, das er zu einer ersten künstler. Blüte führte, überaus bedeutsam: Grillparzer und Bauernfeld (beide s. d.) waren Entdeckungen S.s, das Repertoire wurde mit („bearbeiteten“) Werken von Schiller, Goethe und Shakespeare erweitert. S. selbst übers. und bearb. auch span. Vorlagen, wie Calderón de la Barca („Das Leben ein Traum“, „Don Gutierre“) oder Moreto y Cavaña („Donna Diana“). Er bereicherte jedoch nicht nur den Spielplan wesentl., sondern verstand es auch, dem Ensemble bedeutende neue Schauspielerpersönlichkeiten zuzuführen. Im Mai 1832 aufgrund von Kompetenzschwierigkeiten „in Ungnaden“ entlassen, starb S. bald darauf an der Cholera. Neben seiner Bedeutung für das Hofburgtheater und seiner editor. Tätigkeit (1819–32 gab er auch das Taschenbuch „Aglaja“ heraus) ist bes. S.s Leistung als hervorragender Kritiker zu würdigen, bei dem sich die notwendige Bildung mit einem durchdringenden, unbestechl. Verstand verband. Er war weniger als schöpfer. Geist anerkannt – die kleine Form der Novelle (hervorgehoben seien etwa „Hülfe zur Unzeit“, 1819, „Samuel Brink’s letzte Liebesgeschichte“, 1820) lag ihm noch am ehesten –, sondern vielmehr als Kunsttheoretiker.


Werke: Ges. Schriften, 2 Abt. in 2 Tle., 1829; Tagebücher 1810–23, 2 Tle., hrsg. von K. Glossy (= Schriften der Ges. für Theatergeschichte 2–3), 1903; Ausgewählte Werke, hrsg. und mit Einleitung von E. Baum (= Dt.-Österr. Klassiker-Bibl. 21), o. J.; sowie s. u. bei Goedeke, s. Reg., und E. Buxbaum, J. S., 1995.
Literatur: ADB 54; Alth, Burgtheater, Reg.Bd., S. 30, 303; Goedeke, s. Reg.; Hall–Renner; Nagl–Zeidler–Castle, bes.Bd. 2, s. Reg. (mit Bild); N. Österr. Biogr. 8, 1935, S. 176ff.; Wurzbach; E. Egerer, Don Pedro Calderon de la Barca und das Wr. Burgtheater, phil. Diss. Wien, 1964; B. Hilzensauer, Das „Sonntagsblatt“. Ein Beitr.zur Romantikkritik in Österr., phil. Diss. Wien, 1976; R. Schaider, Die Erz. J. S.s, phil. Diss. Graz, 1969; U. Maley, S. und Calderon, phil. Diss. Innsbruck, 1976; Literatur Lex., hrsg. von W. Killy, 10, 1991; E. Buxbaum, J. S. und sein Beitr. zum literar. Leben in Österr. zur Zeit der Aufklärung, phil. Diss. Wien, 1993; dies., J. S. Der Aufklärer im Beamtenrock (= Literarhist. Stud. 10), 1995 (mit Werks- und Literaturverzeichnis und Frontispiz).
Autor: (E. Buxbaum)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 52, 1997), S. 224f.

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