Schorr, Osias Heschel

Schorr Osias (Josua) Heschel, Publizist und Gelehrter. Geb. Brody, Galizien (Ukraine), 22. 5. 1814 (?); gest. ebenda, 2. 9. 1895.

Bruder des Naphtali Mendel S. (s. u.); mos. Aus angesehener und wohlhabender Familie stammend, mit den Familien Landau und Ephrussi verschwägert. S., den seine Tätigkeit als Kaufmann einige Male nach Odessa und Leipzig führte, verfügte über genügend Einkünfte, um sich später vollständig seinen Stud. widmen zu können. Ein Vertreter der galiz. Aufklärung und Reform, gehörte er der zweiten Generation der ostjüd. Aufklärer (Maskilim) an, war aber kritischer und radikaler als die übrigen, wie etwa Isak Erter, Krochmal oder S. J. L. Rapoport (beide s. d.); auch S. D. Luzzatto (s. d.) hatte als Mentor für S. Bedeutung, doch verlief der briefl. Kontakt zwischen den beiden nicht ohne Differenzen, sodaß es in den 50er Jahren zum Bruch kam. Von den liberalen Vertretern der Wiss. des Judentums in Deutschland trennte S. hingegen sein Eintreten für die neuhebr. Literatur, dennoch veröff. er, zunächst anonym und in Übers., Beitrr. in deren Z. (etwa in „Die Allgemeine Zeitung des Judenthums“ oder „Israelitische Annalen“). Sein selbständiges Wirken begann 1852 mit der Hrsg. des hebr. Jb. „He-Chaluts; Wissenschaftliche Abhandlungen über jüdische Geschichte, Litteratur und Alterthumskunde“, von dem bis 1889 14 Bde. erschienen. Während S. in den ersten Jgg. neben Luzzatto prominente dt. Gelehrte als Mitarbeiter gewinnen konnte, schrieb er ab 1861 alle Artikel selbst. Seine immer radikaler werdende Kritik an jeder Tradition und Autorität im Judentum isolierte ihn in Galizien zunehmend und brachte ihn in Gegensatz zu der orthodoxen Erneuerungsbewegung Machizkê ha-dass, wobei aber anderseits seine Ideen Eingang bei der Reform-Synagoge in Nordamerika fanden. S., der sich ursprüngl. auch im galiz. jüd. Gmd.Leben, speziell für die Erziehung der Jugend, aber auch etwa für die Aufhebung der Fleisch- und Kerzensteuer engagiert hatte, wurde durch privates Unglück, insbes. den Tod seines Sohnes, zum verbitterten Sonderling. Der scheinbare Bettler S. hinterließ nicht nur seine bedeutende Bibl., sondern auch ein Vermögen von ca. 140.000 fl der Israelit. theolog. Lehranstalt in Wien. Im übrigen spiegelt sein Schicksal den Verfall der einst ökonom. und intellektuell hochstehenden jüd. Gmd. von Brody wieder, als deren letzter bedeutender Vertreter er angesehen wurde. Sein Bruder Naphtali Mendel S. (geb. Brody, 1807; gest. Lemberg, Galizien/L’viv, Ukraine, 14. 12. 1883) trat ebenfalls publizist. hervor. U. a. begründete er 1861 die hebr. Wochenz. „Ha-Et“, von der allerdings nur 22 Nummern erschienen, und gab Schriften von Jedaja Penini sowie eine Übers. der „Brahmanischen Weisheit“ ins Hebr. heraus. Sein „Har ha-mor“, 3 Bde., 1855–61, enthält Erz. aus der Geschichte der Juden im Mittelalter.


Werke: W. (auch für Naphtali Mendel S.): s. W. Zeitlin, Bibl. Hebraica Post-Mendelssohniana, 2. Aufl. 1891–95; J. Fürst, Bibl. Judaica 3, 1960.
Literatur: Dr. Bloch’s Oesterr. Ws., 6. 9. 1895; Enc. Jud.; Jew. Enc.; Jüd. Lex.; Universal Jew. Enc.; Wininger; J. Klausner, Historyah šel ha-sifrut ha-ibrit ha-hadašah 4, 2. Aufl. 1953, S. 58ff.; N. M. Gelber, Brody (= Arim we-Imahot be-Yisrael 6), 1955, S. 218f.; E. Spicehandler, in: Hebrew Union College Annual 31, 1960, S. 181ff.; ders., ebenda, 40–41, 1969–70, S. 503ff.; Mitt. Shlomoh Spitzer, Ramat Gan, Israel.
Autor: (N. Vielmetti)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 52, 1997), S. 147

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