Schreiber, Heinrich

Schreiber (Johann) Heinrich, Historiker und Theologe. Geb. Freiburg i. Breisgau, Vorderösterr. (Deutschland), 14. 7. 1793; gest. ebenda, 30. 11. 1872.

Sohn eines aus dem Sundgau stammenden herrschaftl. Bediensteten; röm.-kath., ab 1845 dt.-kath. Besuchte die Normalschule und das Gymn. in Freiburg, absolv. ab 1808 die phil. Jgg. an der Univ. und stud. dann Theol. Dort und 1814/15 am Priesterseminar Meersburg wurde er vom Geist der kath. Spätaufklärung geprägt. Nach der Priesterweihe 1815 Prof. am Gymn. in Freiburg, gab S. Religions-, Sprach- und Literaturunterricht und arbeitete ab 1817 auch am städt. Archiv, das er 1823–36 nebenamtl. leitete. 1819 wechselte er von der Schule an die Univ.Bibl., habil. sich nach seiner 1821 erfolgten Prom. zum Dr. phil. im selben Jahr und lehrte als Priv.Doz. ältere dt. Sprach- und Literaturgeschichte. 1822 zum Leiter des Freiburger Gymn. bestellt, verfolgte er mit modernen pädagog. Ideen ein aufklärer. Erziehungsprogramm. Zugleich vertiefte er sich in die Stadt- und Regionalgeschichte und veröff. regelmäßig Abhh. und Monographien über Geschichte, Kunst und Kultur seiner Heimatstadt. 1826 erhielt er den Lehrstuhl für Moraltheol. an der Freiburger Univ., die damals mit Leonhard Hug, Karl M. A. Reichlin-Meldegg u. a. als „Bollwerk der Spätaufklärung“ galt. S. lehrte – im Sinne Ignaz Frh. v. Wessenbergs – eine anthropolog. ausgerichtete Ethik mit dem Ziel, Vernunft und Offenbarung zu versöhnen, um zum mündigen Menschen zu erziehen. Aus rationalen Gründen kritisierte er den Pflichtzölibat und stellte die Ewigen Gelübde des Mönchtums in Frage. Der Freiburger Erzbischof intervenierte beim bad. Großhg. gegen S. und erreichte dessen Versetzung an die phil. Fak., wo er den Lehrstuhl für Hist. Hilfswiss. übernahm. S., der den Studenten als Vorkämpfer für die Freiheit der Wiss. galt, sah in der von Johannes Ronge 1845 gegründeten dt.-kath. Kirche eine Bewegung zur Erneuerung des Christentums in einer Nationalkirche, zu deren Führung er vergebl. Wessenberg zu gewinnen versuchte. Er selbst trat 1845 öff. zu den Dt.-Katholiken über und wurde exkommuniziert, worauf ihm auf Drängen des Erzbischöfl. Ordinariats seitens der Regierung im Einverständnis mit der Univ. die Lehrerlaubnis entzogen und er pensioniert wurde. In der Folge widmete sich S. nur mehr seinen hist. Stud. und Publ. Schon in den 20er Jahren hatte er eine Darstellung des Freiburger Münsters und einen umfassenden Stadtführer verf. sowie ein Urkundenbuch der Stadt Freiburg hrsg. Zum 400jährigen Bestehen der Freiburger Univ. legte er die ersten Bde. einer Geschichte der Univ. und der Stadt vor. Zuvor hatte S. in einem von ihm gegründeten und ab 1839 hrsg. „Taschenbuch für Geschichte und Alterthum in Süddeutschland“ zahlreiche Beitrr. insbes. zur Archäol. und Frühgeschichte der Region veröff. Regelmäßig schrieb er auch für den Freiburger Adreß-Kal. und publ. in Fortsetzung des Urkundenbuches der Stadt 1863–66 Urkunden des dt. Bauernkrieges. S., in lebenslanger Freundschaft dem durch ihn zur Geschichtswiss. hingeführten Jacob Burckhardt verbunden, erfuhr zahlreiche Ehrungen, so wurde er 1829 Dr. theol. h. c. der Univ. Freiburg, fungierte 1830/31 sowie 1842/43 als deren Prorektor und war Ehrenmitgl. von 21 hist. sowie archäolog. Ges. In Freiburg erinnert ein 1893 errichtetes Denkmal an einer nach S. benannten Straße an ihn. Während seine theolog. Arbeiten ganz dem Geiste seiner Zeit verhaftet blieben, erwiesen sich die historiograph. Werke S.s als dauerhaft und weiterführend und trugen ihm seitens Heinrich Finkes den Ruf ein, „vielleicht der beste Lokalhistoriker Deutschlands“ in seiner Zeit gewesen zu sein.


Werke: W. (s. u. bei Rieke): Geschichte und Beschreibung des Münsters zu Freiburg i. Breisgau …, 1820, Neuausg. 1825; Freiburg i. Breisgau mit seinen Umgebungen, 1825, 3. Aufl. 1840, Nachdruck 1970; Lehrbuch der Moraltheol., 2 Tle., 1831–34; Geschichte der Stadt Freiburg i. Breisgau 1, 4 Tle., 1857–58; Geschichte der Albert-Ludwigs-Univ. …, 3 Tle. (= Geschichte der Stadt Freiburg i. Breisgau 2/1–3), 1857–60, Neuausg. 1868; usw. Hrsg.: Urkundenbuch der Stadt Freiburg i. Breisgau, 2 Tle., 1828–29; usw. – Nachlaß, Stadtarchiv Freiburg i. Breisgau, Deutschland.
Literatur: ADB; Bad. Biographien, hrsg. von F. v. Weech, 2, 2. Aufl. 1881; F. Pfaff, in: Schau-ins-Land! 19, 1893, S. 1ff. (mit Bild); P. P. Albert, in: Z. für die Geschichte des Oberrheins, NF 16, 1901, S. 56ff.; H. Finke, in: Hist. Jb. 50, 1930, S. 77f.; F. Garscha, in: Ur- und Frühgeschichte als hist. Wiss., hrsg. von H. Kirchner, 1950, S. 3ff. (mit Briefen); R. W. Rieke, H. S. 1793–1872 (= Beitrr. zur Freiburger Wiss.- und Univ.Geschichte 9), 1956 (mit Briefen, Werks-, Quellen- und Literaturverzeichnis); A. Franzen, in: Hist. Jb. 91, 1971, S. 363ff.; J. Dorneich, F. J. Buß und die kath. Bewegung in Baden, 1979; A. Schmid, in: Bad. Heimat 73, 1993, S. 287ff. (mit Bildern); H. Schadek, in: Z. des Breisgau-Geschichtsver. „Schau-ins-Land“ 112, 1993, S. 135ff.; ders., in: Geschichte der Stadt Freiburg i. Breisgau, hrsg. von H. Haumann und H. Schadek, 3, 1994, S. 57ff. (mit Bild); I. Götz v. Olenhusen, Klerus und abweichendes Verhalten … (= Krit. Stud. zur Geschichtswiss. 106), 1994, S. 102, 112, 298, 414, 428; H. Schadek, in: Z. des Breisgau-Geschichtsver. „Schau-ins-Land“ 114, 1995, S. 163ff. (mit Bild und Briefen).
Autor: (W. Hug)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 52, 1997), S. 192f.

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