Schmidt, Eduard Oskar

Schmidt, —Eduard Oskar Zoologe. Geb. Torgau, Preußen (Deutschland), 21. 2. 1823;

gest. Straßburg, Elsaß-Lothringen (Strasbourg, Frankreich), 17. 1. 1886. Sohn eines Garnisonspredigers und späteren Pfarrers, Vater des Germanisten Erich S. (geb. Jena, 20. 6. 1853; gest. Berlin, 30. 4. 1913); evang. AB; stud. nach Absolv. des Gymn. in Pforta (Pforte) ab 1842 an der Univ. Halle Mathematik und Physik, 1843–46 Mathematik an der Univ. Berlin, wo er sich unter dem Eindruck von Christian Gottfried Ehrenberg sowie Johannes v. Müller immer mehr der Zool. zuwandte, und wurde 1846 in Halle zum Dr. phil. prom. Kurz darauf legte er in Berlin das Staatsexamen ab und begann mit dem Probejahr den Schuldienst. 1847 an der Univ. Jena für Zool. habil., wirkte er dann als Priv.Doz., wurde dort 1849 ao. Prof. und 1851 Dir. des Zoolog. Mus., 1855 aber als o. Prof. der Zool. und der vergleichenden Anatomie an die Univ. Krakau berufen. Ein angebliches kurzes Wirken an der Univ. Prag (1855) ist dort nicht belegt. 1857 kam er als Nachfolger L. K. Schmardas (s. d.) auf den Lehrstuhl für Zool. und vergleichende Anatomie nach Graz, wo er 1863 auch die Vorlesungen seines Faches am Joanneum und die Leitung des landschaftlichen zoolog. Mus. übernahm. 1861/62 fungierte er an der Univ. Graz als erster protestant. Dekan der philosoph. Fak., 1865/66 als erster protestant. Rektor einer österr. Univ. 1871/72 neuerlich Dekan, folgte S., der Berufungen nach Dorpat und Marburg abgelehnt hatte, 1872 einem Ruf als Ordinarius der Zool. sowie Dir. des Inst. für Zool. und Zootomie an die neuorganisierte Reichsuniv. Straßburg und wurde dort 1872, 1874 und 1883 zum Dekan der philosoph. Fak. gewählt. S., der mit einer noch in Krakau begonnenen Arbeit über die Strudelwürmer seinen wiss. Ruf begründet hatte, widmete sich nach seiner Übersiedlung nach Graz hauptsächlich der Meereszool. der Adria, befaßte sich mit den damals noch weitgehend unerforschten Schwämmen und war um den Aufbau einer künstlichen Schwammzucht an der dalmatin. Küste und damit um die prakt. Verwertung seiner Stud. bemüht. Mit seiner Publ. über die adriat. Spongien aber schuf er ein grundlegendes Werk über diese Tierklasse. S. trug daneben maßgeblich zur Entwicklung der zoolog. Station in Triest bei. 1863 führte er die kleine Zoolog. Smlg. der Univ. Graz in jene des Joanneums über, strebte ein allerdings erst nach seinem Abgang aus Graz verwirklichtes Zoolog.-zootom. Inst. an und beantragte die Zuweisung der naturwiss. Stud. für Mediziner an die philosoph. Fak. S. war ab 1865 ein entschiedener Anhänger Darwins, dessen Lehre er in Österr. mit Nachdruck verfocht. Im Zusammenhang damit sind seine paläontolog. Interessen zu sehen, aber auch seine Auseinandersetzung mit der kath. Kirche. 1865 verursachte er mit seiner stark nachwirkenden Inaugurationsrede über den Darwinismus den Protest der Theologen und konservativer Kreise und löste eine grundlegende Auseinandersetzung zwischen kath. und dt. nationalen Kreisen an der Univ. Graz aus. Er engagierte sich auch in der populärwiss. Aufarbeitung seines Faches, verfaßte mehrere Lehrbücher und lieferte einen Beitrag für Brehms Tierleben. Seine wiss. Forschungen setzte er, zeitweise von der Univ. beurlaubt, auch in Straßburg fort, arbeitete 1877 an der zoolog. Station in Neapel und stud. 1878 und 1879 die Schwämme im Gebiet der Ionischen Inseln, 1885 an der adriat. Küste. Dabei begleitete ihn seine Tochter Johanna, welche die Zeichnungen anfertigte. S., kämpfer. Vertreter der dt. nationalen Richtung, war in Graz Mitgl. der Burschenschaft Arminia, betätigte sich dort auch im polit.-öff. Leben und war 1867–69 Mitgl. des Gemeinderates von Graz sowie 1868/69 Landtagsdeputierter von Windischgraz (Slovenj Gradec). Er erfuhr verschiedene Ehrungen und wurde u. a. 1855 Dr. med. h. c. der Univ. Jena, 1870 korr. Mitgl. der Akad. der Wiss. in Wien. S. baute die zoolog. Fachrichtung an der Univ. Graz auf, schuf die für die Forschung notwendigen Einrichtungen oder bereitete diese vor, las als erster an der Univ. Graz über Geographie sowie Paläontol. und bestimmte dadurch die Ausbildung der Naturwiss. wesentlich mit, beeinflußte aber auch maßgeblich die Gesamtentwicklung der Univ. Graz. Seine Nachfolger, Franz Eilhard Schulze sowie L. Graff v. Pancsova (s. d.) setzten seine adriat. Forschungen fort.


Werke: Hdb. der vergleichenden Anatomie, 1849, 9. Aufl. 1888–94; Bilder aus dem Norden, 1851, 2. Aufl. 1859; Hand-Atlas der vergleichenden Anatomie zum Gebrauch bei academ. Vorlesungen und für Studirende, 1851, 2. Ausg. 1854; Lehrbuch der Zool., 1854; Die Entwicklung der vergleichenden Anatomie, 1855; Die rhabdocoelen Strudelwürmer aus den Umgebungen von Krakau, in: Denkschriften Wien, math.-nat. K1. 15, 1858, auch selbständig; Die Spongien des adriat. Meeres 1862, Suppl. 1864, 1866; Das Alter der Menschheit, in: O. Schmidt und F. Unger, Das Alter der Menschheit . . ., 1866; Die Spongien der Küste von Algier. Mit Nachtr. zu den Spongien des adriat. Meeres (Suppl. 3), 1868; Leben der Krebse, Würmer und ungegliederten wirbellosen Thiere, in: A. E. Brehm, Illustriertes Thierleben 6, 1869, 2. Aufl.: Die Niederen Thiere, in: Brehms Thierleben, Große Ausg., 2. Aufl. 10, 1878, 3. Aufl., neubearb. von W. Marschall, 1893; Grundzüge einer Spongien-Fauna des atlant. Gebietes, 1870; War Goethe ein Darwinianer?, 1871; Die Anwendung der Descendenzlhelre auf den Menschen, 1873; Die naturwiss. Grundlagen der Phil. des Unbewußten, 1877, französ. 1879; Thierkde., 1878; Die Säugethiere in ihrem Verhältnis zur Vorwelt ( = Internationale wiss. Bibl. 65), 1884; Schullehrbücher; Beitrr. für Tagesztg.; usw. – Johanna S.: Aus dem Aquarium in Neapel. Thierbilder . . ., o. J.
Literatur: Neue Tiroler Stimmen vom 29. 11. 1872; Almanach Wien 36, 1886, S. 183 ff.; L. v. Graff, Gedächtnisrede auf E. O. S. . . ., in: Mitth. des Naturwiss. Ver. für Stmk. 24, 1888, S. 3 ff. (mit Bild und tw. Werksverzeichnis), auch selbständig; ders., Das Zoolog.zootom. Inst. in Graz und seine Geschichte, in: Verhh. der Dt. Zoolog. Ges., 1900, auch selbständig; ADB; Wurzbach; F. v. Krones, Geschichte der Karl Franzens-Univ. in Graz, 1886, s. Reg., bes. S. 567; Botanik und Zool. in Österr . . ., 1850–1900, 1901, s. Reg. (mit Bild); Das steiermärk. Landesmus. Joanneum und seine Smlgg., red. von A. Mell, 1911, s. Reg., bes. S. 243 f. (mit Bild); G. Berka, 100 Jahre Dt. Burschenschaft in Österr. 1859– 1959, 1959, S. 85 f.; H. Zapfe, Index Palaeontologicorum Austriae ( = Cat. Fossilium Austriae 15), 1971; Ch. Berghofer, Die Anfänge der Zool. an der Univ. Graz, 1982, Hausarbeit, Inst. für Geschichte, Univ. Graz, S. 46 ff.; D. A. Binder, Das Joanneum in Graz ( = Publ. aus dem Archiv der Univ. Graz 12), 1983, s. Reg.; UA, Stmk. LA, beide Graz, Stmk.; Allg. Verw.A., Wien; Archives de la Région Alsace et du Département du Bas-Rhin, Strasbourg, Frankreich.
Autor: (W. Höflechner)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 48, 1992), S. 251f.

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