Schindler, Alexander Julius

Schindler Alexander Julius, Ps. Julius von der Traun, Schriftsteller und Politiker. * Wien, 26. 9. 1818; † Wien, 16. 3. 1885.

Sohn eines Tuchfabrikanten, Onkel des Malers Emil J. S. (s. d.), Großonkel Alma Mahler-Werfels; nach Besuch des Piaristen- und des Schottengymn. in Wien hörte er an der Univ. 1833–35 sowie 1838/39 die philosoph. Jgg. und besuchte 1835/36 die techn. Abt. des Polytechn. Inst. S. war danach zwei Jahre in der väterlichen Fabrik in Fischamend (NÖ), ab 1838 als Chemiker in einer Kattunfabrik in Steyr (OÖ) tätig, wo er sich verstärkt seiner 1835 begonnenen schriftsteller. Tätigkeit widmete. 1839–43 stud. er an der Univ. Wien Jus. In dieser Zeit gehörte er nicht nur einer polit. aufgeschlossenen Künstlerrunde um K. I. Beck, J. Nep. Berger, M. Hartmann und L. Kompert (alle s. d.) an, sondern war auch Mitgl. von Johann Nep. Vogls Tafelrunde, wo er seinem späteren Freund F. Sauter (s. d.) begegnete. 1844 zog S. erneut nach Steyr, praktizierte hier zunächst beim Magistrat und war 1845 Beamter der Dion. der k. Salinenherrschaften in Gmunden. Nach Erhalt des Dekrets zur Ausübung des Zivil- und Kriminalrichteramts war S. 1845/46 Justitiar des fürstlichen Patrimonialgerichts Schloß Steyr. Durch seinen Dienstherrn, Fürst Gustav Lamberg, kam S. zur Politik, die nun auch seine literar. Arbeiten bestimmte: 1847/48 hielt er sich in Prag auf, wo er mit den Journalisten I. Kuranda (s. d.) und Franz Schuselka in Kontakt trat. 1848 gab er die vielgelesenen „Zwanglosen Blätter für Oberösterreich“ heraus. Nach der Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit bemühte sich S. um eine Staatsstellung, mußte jedoch infolge seiner polit. SchriftenOÖ verlassen. Ab 1850 fungierte er als Staatsanwaltsstellvertreter in Leoben (Stmk.), 1852 als Staatsanwalt in Graz, wurde jedoch wegen der „Zwanglosen Blätter . . .“ 1854 aus dem Staatsdienst entlassen. S. lebte hierauf in Salzburg, wo er sich vergeblich um eine Advokatur und ein Notariat bemühte, wurde 1856 in Wolfsberg (Kärnten) gräflicher Domänenverwalter, dann Rechtsanwalt und Generalbevollmächtigter für die Domänen und Bergwerke der k. k. privilegierten Staatseisenbahnges. in Ungarn. Als deren Gen.-Sekretär kehrte er 1859 nach Wien zurück, wo er Gen.Sekretär der Versicherungsanstalt Vindobona und – um 1860 – Mitgl. der Künstlerges. Die grüne Insel war. 1861 Landtags- und Reichsratsabg. (infolgedessen erlangte er 1862 das bis dahin verweigerte Notariat), wurde der Liberale S. mit seinen humorvollen und gewandten parlamentar. Reden sowie als kongenialer rhetor. Gegner des Tiroler Klerikalen J. Greuter (s. d.) bekannt. Während dieser Zeit entstanden die polit. Sinnged. „Carte blanche“ (1862), mit denen er A. Grün (s. Auersperg A. A. Gf.) nachfolgte. 1870 zog er sich – nach Verlust seines Parlamentssitzes – völlig ins Privatleben zurück und nahm seine literar. Tätigkeit wieder verstärkt auf. In dem von ihm erworbenen Schloß Leopoldskron bei Salzburg zählten namhafte Literaten wie Theodor Storm, E.v. Bauernfeld (s. d.), Johann Gabriel Seidl und Franz Stelzhamer zu seinen Gästen. Gesundheitliche Probleme veranlaßten ihn jedoch, 1883 für immer nach Wien zu ziehen. Schon in den zeitgenöss. Nekrologen wurde dem Parlamentarier S., der u. a. für die Abschaffung der Prügelstrafe eintrat, wohl nicht zu Unrecht mehr Beachtung gewidmet als dem vielseitigen Literaten J. von der Traun, der heute zu den vergessenen Schriftstellern des 19. Jh. zählt: S.– er stand in näherem Kontakt mit A. Grün, A. Stifter, Adolf Ignaz Ritter v. Tschabuschnigg und Makart (s. d.) – ist in seinen vielen, bloß durchschnittlichen lyr., dramat. und erzählenden Arbeiten nicht nur von der romant., sondern auch von der jungdt. und realist. Literaturströmung maßgebend beeinflußt. Zu seinen bekanntesten Werken – häufig geschichtliche Stoffe behandelnd – zählen u. a. die mehrfach aufgelegte, als Stoffvorlage für Carl Zuckmayer dienende Novelle „Der Schelm von Bergen“ (1879) und die Romane „Die Goldschmiedkinder“ (1880) sowie „Oberst Lumpus“ (1888). Paul Wertheimers Befund eines „akademisch üppigen Makarttums des Wortes“ (1911) kennzeichnet S.s Erzählstil treffend. Mit den „Exkursionen eines Österreichers“ (2 Bde., 1881) erweist er sich als Reiseschriftsteller in der Nachfolge Heines.


Werke: W. (Erstaufl.): OÖ. Ein Skizzenbuch, 1848; Unser Reichstag: ein Zwitter . . ., 1848; Südfrüchte. Novellen, 2 Bde., 1848; Eines Bürgers Recht. Trauerspiel, (1849); Die Rosenegger Romanzen, 1852; Die Geschichte vom Scharfrichter Rosenfeld und seinem Pathen, 1852; Theophrastus Paracelsus, Volksdrama, 1858; Ged., 2 Bde., 1871; Salomon, Kg. v. Ungarn. Ein Ged., 1873; Toledaner Klingen. Ein Ged., 1876; Die Äbtissin von Buchau. Eine Novelle, 1877; Der Liebe Müh’ umsonst, 1884; Beitrr. für Carinthia usw. Hrsg.: A. Schlosser’s nachgelassene Ged. in der Volksmundart des Traunkreises, 1850; F. Sauter, Ged., 1855.
Literatur: (auch unter Traun): Salzburger Voksbl. vom 17., 18. und 20. 3. 1885; N. Fr. Pr. vom 22. 6., 5. 7. 1905 und 23. 4. 1911; Tages-Post (Linz) vom 2. 9. 1906 (Unterhaltungsbeilage); Wr. Ztg. vom 25. 9. 1918 (Abendausg.); Neue Illustrierte Wochenschau vom 28. 9. 1958; A. Gaßner, in: Euphorion 14. 1907, S. 784ff.; ADB; Brümmer; Giebisch-Gugitz; Hahn, 1867; Kosch; Kosch, Theaterlex.; Nagl-Zeidler-Castle 2–4, s. Reg.; Salzb. Kulturlex.; Wurzbach; F. Bornmüller, Biograph. Schriftsteller-Lex. der Gegenwart, 1882; F. Kostjak. J. von der Traun . . . Einvergessener Österreicher, 1928; E. Schwabl, Novellentechnik bei J. von der Traun, phil. Diss. Wien, 1935; F. Haidinger, A. J. S. . . . Leben und Werke, phil. Diss. Wien, 1936; H. Hartmeyer, Die führenden Abg. des Liberalismus in Österr. 1861– 79. phil. Diss. Wien, 1949, S. 61ff.; S. Haider, A. J. S. als Reiseschriftsteller, phil. Diss. Wien, 1950; A. Mahler-Werfel, Mein Leben, 1960, S. 13; Lex. der Weltliteratur, hrsg. von G. v. Wilpert, 2. Aufl. (1975); L. Schmidt, in: Die österr. Literatur. Ihr Profil im 19. Jh. . . ., hrsg. von H. Zeman, 1982, S. 673ff.
Autor: (S. Leskowa)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 47, 1991), S. 144ff.

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