Pillersdorff, Franz Frh. von

Pillersdorff (Pillerstorf) Franz Frh. von, Politiker. * Brünn (Brno), 1. 3. 1786; † Wien, 22. 2. 1862.

Stammte aus einer Beamtenfamilie, die in den landständ. Adel Mährens aufgestiegen war (1792 Frh.-Stand); stud. an der Univ. Wien Jus, trat in Galizien in den Verwaltungsdienst und wurde dann als Mitarbeiter von Baldacci (s. d.) nach Wien berufen. 1809 kam er in die Hofkammer und entwickelte sich zu einem Fachmann auf dem Gebiet der Staatsfinanzen. 1832 trat er in die Vereinigte Hofkanzlei über. P. war ein Repräsentant der liberalen, gleichwohl staatstreuen höheren Beamtenschaft des Vormärz und wurde am 20. 3. 1848 Minister des Innern, am 4. 5. übernahm er auch das Amt des Ministerpräs. In seinem Bestreben, es allen Seiten recht zu tun, scheiterte er. P., ein Bürokrat der alten Schule, wurde zwischen den sich mehr und mehr steigernden Tendenzen der Revolution und der Politik des Hofes zerrieben. Mit seinem Namen ist die erste konstitutionelle Verfassung vom April 1848 verbunden, die sich aber nicht auf Ungarn und Lombardo-Venetien erstreckte. Er vermochte die italien. und ung. Wirren nicht zu beherrschen, erlitt in der Innenpolitik Schiffbruch und demissionierte daher am 8. 7. 1848. Er gehörte dann dem Reichstag an, wo er sich dem rechten Zentrum anschloß. Im Oktober 1848 wurde er zum 2. Vizepräs. gewählt, begab sich mit einer Deputation an das Hoflager nach Olmütz (Olomouc), konnte aber die militär. Maßnahmen gegen Wien nicht mildern. Bei K. Franz Joseph (s. d.) fiel er in Ungnade, verlor seine Geh.Ratswürde und hielt sich, obwohl er in den Wr. Gemeinderat gewählt wurde, von der Politik fern. Erst 1860 kam er in den niederösterr. Landtag und wurde von diesem in den Reichsrat entsandt, wo er sich neben Finanzfragen auch um die Lösung der ung. Probleme bemühte.


Werke: Rückblicke auf die polit. Bewegung in Österr. in den Jahren 1848/49, 1849, Neudruck 1970; Handschriftlicher Nachlaß des Frh. v. P., 1863; etc.
Literatur: Die Furche vom 3. 3. 1962; Almanach Wien 12, 1862; J. A. v. Helfert, Casati und P. und die Anfänge der italien. Einheitsbewegung, in: AfÖG 91, 1902, S. 249 ff.; Aus dem handschriftlichen Nachlasse des Gf. M. K. v. Wickenburg, in: Österr. Rundschau 4, 1905, S. 585 ff.; K. Hugelmann, Das k. Kabinettsschreiben vom 8. 4. 1848 und das Min. P., in: Jb. für Landeskde. von NÖ 15/16, 1917, s. Reg.; ders., Die Entwicklung der Aprilverfassung von 1848, ebenda, 17/18, 1919, s. Reg.; ADB; Knauer; Kosch, Das kath. Deutschland; Maasburg; Wurzbach; M. Koch, P. und die Wahrheit, 1849; J. A. v. Helfert, Aufzeichnungen und Erinnerungen aus jungen Jahren, 1904, s. Reg.; Tagebücher des C. F. Frh. Kübeck v. Kübau, 2 Bde., hrsg. von M. v. Kübeck, 1909, s. Reg.; R. Charmatz, A. Fischhof, 1910, s. Reg.; H. v. Srbik, Metternich, Bd. 1–2, 1925, Neudruck 1957, s. Reg.; K. Kazbunda, Ceské hnutí roku 1848, 1929, s. Reg.; Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen von 1848–59, hrsg. von J. K. Mayr, 1931, s. Reg.; P. Müller, FM Fürst Windischgrätz, 1934, s. Reg.; E. Kaizenbeisser, Frh. v. P. als Minister, phil. Diss. Wien, 1936; K. Walla, J. Frh. v. Weingarten, phil. Diss. Wien, 1950; O. Knauer, Österr. Männer des öff. Lebens von 1848 bis heute, 1960; Aus dem Nachlaß des Frh. C. F. Kübeck v. Kübau. Tagebücher, Briefe, Aktenstücke 1841–55, hrsg. von F. Walter (= Veröff. der Komm. für neuere Geschichte Österr. 45), 1960, s. Reg.; W. Kosch, Biograph. Staatshdb. 2, 1963; F. Walter, Die österr. Zentralverwaltung, Abt. 3, 2 Bde. (= Veröff. der Komm. für neuere Geschichte Österr. 49–50), 1964, s. Reg.; R. A. Kann, Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie, 2 Bde. (= Veröff. der Arbeitsgemeinschaft Ost 4–5), 2. Aufl. 1964, s. Reg.
Autor: (W. Goldinger)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 8 (Lfg. 36, 1979), S. 77

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  • geboren in > Brünn
  • gestorben in > Wien