Mannheimer, Isak Noa

Mannheimer Isak Noa, Rabbiner. * Kopenhagen, 17. 10. 1793; † Wien, 18. 3. 1865.

Erhielt neben der allg. Schulbildung eine streng religiöse Erziehung sowie intensiven Unterricht in den talmud. Disziplinen und stud. dann an der Univ. Kopenhagen Phil., Physik und Mathematik. 1816 wurde er zum kgl. Katecheten ernannt. In dieser Funktion führte er die reformer. Andachtsübungen mit Chor und Predigt in dän. Sprache ein. Spannungen mit der Orthodoxie und antijüd. Strömungen der Reaktion führten aber bald zum Verbot dieser Andachtsübungen. 1821 war er einige Zeit in Wien, dann wieder in Kopenhagen. 1824 wurde M. nach Wien berufen und offiziell als Religionslehrer, inoffiziell als Prediger angestellt. In Wien begann er mit der Verwirklichung seiner Ideen, die zu einer Renaissance des Glaubens bei den österr. Juden führen sollten. 1826 regte er die Anlegung von Matrikelbüchern an und begann in den folgenden Jahren trotz heftiger Gegenwehr der Orthodoxie mit Reformen der Gottesdienstordnung, die später als „Wiener“ oder „Mannheimer Ritus“ weite Verbreitung fanden. Er kürzte die Gebetsordnung, übers. Gebete ins Dt., behielt aber die hebr. Sprache bei und führte den Chor sowie die dt. Predigt ein. M.s Reformen, die eine Spaltung zwischen der Orthodoxie und den Reformern verhinderten, waren konservativer Art. Im besonderen förderte und unterstützte er caritative Unternehmungen. Unter seiner Ägide entstanden 1839 der Waisenhausver., 1840 der Ver. zur Förderung des Handwerks unter den Juden, 1843 die Kinderbewahranstalt, 1846 der Ver. für Krankenpflege und Versorgung handeltreibender Israeliten, 1847 der Kreuzerver., 1852 das Taubstummeninst. und 1861 der Studentenunterstützungsver. 1844 forderte M. gem. mit 24 anderen österr. Rabb. die Abschaffung des Judeneides, was 1846 geschah. Ab Juli 1848 österr. Reichstagsabg., lehnte er 1860 bei der Gründung des Reichsrates jede Kandidatur aus Gesundheitsrücksichten ab. M., der die Einheit seiner Gemeinde erhielt und festigte und die Physiognomie der Wr. Judenschaft prägte, wurde vielfach geehrt und ausgezeichnet, u. a. Oberrabb. und ehrenhalber Bürger der Stadt Wien.


Literatur: Die Neuzeit vom 23. 10. 1863, Beilage; G. Wolf, I. N. M., Prediger, eine biograph. Skizze, 1861; M. Rosemann, I. N. M., sein Leben und Wirken, 1922; Enc. Jud.; Jew. Enc.; Jüd. Lex.; Wurzbach; ADB; Gräffer–Czikann; S. Husserl, Gründungsgeschichte des Stadt-Tempels der israelit. Kultusgemeinde Wien, 1906; S. Mayer, Die Wr. Juden, Kommerz, Kultur, Politik 1700–1900, 1917; H. Tietze, Die Juden Wiens, 1933; H. Friedjung, Österr. von 1848–60, 1908–12.
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 26, 1973), S. 56f.

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  • geboren in > Kopenhagen
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