Baum, Oskar

Baum Oskar, Schriftsteller. Geb.

Sohn des Schnittwarenhändlers Jakob Baum und von Berta Baum, geb. Glazerová, Vater des Journalisten Leo Baum (geb. 1906; gest. 22. 7. 1946), der bei einem Bombenanschlag der zionistischen Untergrundorganisation Irgun Tzwa’i Le’umi auf das King David Hotel in Jerusalem ums Leben kam; verheiratet mit Grete (Margarete) Baum, geb. Schnabel (geb. 1873; gest. Theresienstadt, Protektorat Böhmen und Mähren / Terezín, CZ, 1943). – B. verlor mit elf Jahren als Folge einer Rauferei mit Schulkameraden das Sehvermögen. Er besuchte 1894–1902 die israelitische Blindenanstalt auf der Hohen Warte in Wien, wo er zum Musiklehrer (Klavier, Orgel) ausgebildet wurde. Nach seiner Rückkehr nach Prag arbeitete er als Klavierlehrer und Organist in einer Synagoge. 1908 erschien von B., der mit Schriftstellern des Prager Kreises wie Max Brod, →Franz Kafka, Felix Weltsch, Franz Werfel und Ludwig Winder befreundet war, der Novellenband „Uferdasein. Abenteuer und Tägliches aus dem Blindenleben von heute“ mit einem Geleitwort von Brod. 1918 kam in Kurt Wolffs expressionistischer Reihe „Der jüngste Tag“ der Band „Zwei Erzählungen“ („Der Geliebte“, „Unwahrscheinliches Gerücht vom Ende eines Volksmanns“) heraus. B. publizierte Novellen, Gedichte, Rezensionen und Kritiken in verschiedensten Printmedien („Prager Tagblatt“, „Neue Deutsche Blätter“, „Die Weltbühne“, „Die Aktion“, „Der Sturm“, „Wochenschau für Blinde“, „Herder-Blätter“, „Die Selbstwehr“, „Der Friede“, „Der Anbruch“, „Deutsche Arbeit“, „Neue Revue“, „Der neue Weg“, „Die Gegenwart“) und verfasste außerdem Gedichte und Theaterstücke („Das Wunder“, 1920; „Der Feind“, 1926), zahlreiche Erzählungen und elf Romane (u. a. „Die böse Unschuld“, 1913; „Die verwandelte Welt“, 1919; „Das Volk des harten Schlafes“, 1937), die teilweise in Fortsetzungen im „Prager Tagblatt“, in der „Kölnischen Zeitung“ und im „Berliner Tageblatt“ erschienen. B. wurde 1922 Musikkritiker der „Prager Presse“. Letzte Veröffentlichungen nach der deutschen Besetzung Prags im März 1939 erschienen im „Jüdischen Nachrichtenblatt“. Unmittelbar vor seiner Deportation nach Theresienstadt, wo seine Frau ums Leben kam, starb er im Jüdischen Spital in Prag nach einer Operation. Themen seiner Werke sind der Alltag der Blinden, den er auf sachliche, unsentimentale Weise schilderte, weiters die Bevölkerung in böhmischen Kleinstädten bzw. Dörfern; in seinen letzten Veröffentlichungen befasste er sich mit dem jüdischen Leben unter dem aufkommenden Nationalsozialismus. B. war 1934–38 Präsident des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller in der Tschechoslowakei. Sein Nachlass befindet sich in der israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem und im Jüdischen Museum in Prag.


Literatur: Bolbecher–Kaiser; M. Brod, Streitbares Leben, 1960, passim; ders., Der Prager Kreis, 1966, S. 138ff. (m. B.); Fünf Autoren des Prager Kreises, ed. M. Pazi, 1978, S. 128ff.; J. Serke, Böhmische Dörfer, 1987, S. 130ff.; S. Dominik, O. B. (1883–1941). Ein Schriftsteller des Prager Kreises, phil. Diss. Würzburg, 1988; W. Hötzmannseder, Der Blinde als Dichter. O. B. Ein Vertreter der Prager deutschsprachigen Literatur der Jahrhundertwende und Zwischenkriegszeit, phil. DA Wien, 1991; Lexikon deutsch-jüdischer Autoren 1, ed. R. Heuer, 1992; E. Reichmann, in: Das jüdische Echo 47, 1996, S. 195ff.; E. Weissweiler, Ausgemerzt! Das Lexikon der Juden in der Musik und seine mörderischen Folgen, 1999; Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur, ed. A. B. Kilcher, 2000; Lexikon zur deutschen Musikkultur. Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien 1, 2000; G. v. Wilpert, Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren, 4. neu bearbeitete Aufl. 2004; O. B. Der Blinde als Kritiker, ed. W. Jacobsen – W. Pardey, 2014.
Referenz: ÖBL Online-Edition, Bd. (Lfg. 3, 2014)

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  • geboren in > Pilsen
  • gestorben in > Prag