Troll-Borostyáni, Irma von

Troll-Borostyáni Irma von, geb. Troll Marie von, Ps. Leo Bergen, Veritas, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Geb. Salzburg (Sbg.), 31. 3. 1847; gest. ebd., 10. 2. 1912; röm.-kath.

Enkelin des Landrats Karl v. Appeltauer, jurist. Stud.dir. an der Univ. Graz, jüngstes von vier Kindern des Zollbeamten Otto v. Troll (gest. 1866) und von Josefine v. Troll, geb. v. Appeltauer (geb. 1805; gest. 2. 9. 1882), Schwester von Wilhelmine v. T., Mutter einer Tochter, die mit drei Jahren an Diphtherie starb; 1875 Heirat mit dem Journalisten Nándor v. Borostyáni (geb. Szegedin/Szeged, H, 14. 1. 1848; gest. Paris, F, 5. 8. 1902). – T. wurde zunächst von der gebildeten Mutter in verschiedenen Sprachen sowie Musik unterrichtet und besuchte 1862–64 das Erziehungsinst. für Mädchen im Benediktinenstift Nonnberg, verließ es jedoch krankheitsbedingt. Sie lernte i. d. F. autodidakt. Engl., Französ. sowie Italien., nahm Kompositionsunterricht und las klass. Literatur. Da T. nach dem Tod des Vaters für ihren eigenen Unterhalt sorgen musste, ging sie 1870 nach Wien, um sich als Pianistin ausbilden zu lassen. Sie fand Anschluss an künstler. Kreise, veröff. erste Artikel in verschiedenen Ztg. und nahm Schauspielunterricht bei →Alexander Strakosch; aus familiärer Rücksicht wurde sie Musiklehrerin bei einer ung. Aristokratenfamilie auf dem Land. 1873 zog sie nach Budapest, nannte sich dort Irma und verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Musikunterricht sowie literar. Publ. 1878 erschien ihr erstes Buch, „Die Mission unseres Jahrhunderts. Eine Studie zur Frauenfrage“, in dem sie ihre Forderungen für die Gleichberechtigung der Geschlechter formulierte, u. a. Mädchenbildung, Frauenstud., Wahlrecht für Frauen, Gründung von Ver. und Z. 1882 kehrte T. nach Salzburg zurück, um ihre schwer kranke Mutter zu sehen, blieb dann jedoch und wohnte gem. mit ihrer Schwester und den künstler. begabten Schwestern Helene und Johanna Baumgartner in einer Hausgemeinschaft. Borostyáni unterstützte das feminist. Engagement und die schriftsteller. Arbeit seiner Ehefrau; sie unterhielten eine Fernbeziehung in Briefen. Neben ihren sozialpolit. Texten schrieb sie zahlreiche Novellen und Romane (u. a. „Aus der Tiefe“, 1892; „Onkel Clemens“, 1897; „Irrwege“, 1908), die in der Tradition des Realismus und Naturalismus stehen und in denen sie nicht nur die Wirklichkeit schonungslos darstellt, sondern auch Perspektiven für zukünftige Veränderungen aufzeigt, wie in ihrem Novellenbd. „Hunger und Liebe“ (1900). Keinen Erfolg hatte sie mit ihren dramat. Versuchen, ihre Stücke wurden nie aufgef. Einige Jahre war T. Mitgl. in der 1897 in Salzburg gegr. Literatur- und Kunstges. PAN, zu der u. a. →Georg Trakl zählte. T. war eine auffällige Erscheinung, trug kurze Haare und Männersakkos, rauchte öff. Zigarren, spielte gerne Tarock sowie Whist. In „Das Weib und seine Kleidung“ (1897) setzte sie sich für die Befreiung vom Korsett und die Hose als Frauenkleidung ein. Zu ihren Lebzeiten erschienen 19 Bücher und unzählige Beitrr. in Z. und Ztg. T.s Stärke waren ihre essayist. Stud. zur Frauenfrage, u. a. „Im freien Reich: Ein Memorandum an alle Denkenden und Gesetzgeber zur Beseitigung sozialer Irrtümer und Leiden“ (1884) oder „Das Recht der Frau: eine sociale Studie“ (1894), die heftige Reaktionen von begeisterter Zustimmung bis zu polem. Ablehnung provozierten. 1893 gehörte sie zu den Gründungsmitgl. des Allg. Österr. Frauenver., 1908 wurde sie dessen Ehrenmitgl. Außerdem war sie Mitgl. u. a. im Ver. der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien, im Allg. Schriftsteller-Ver. in Berlin und im Dt. Bund für Mutterschutz. T. zählte zum bürgerl.-liberalen Flügel der Frauenbewegung und engagierte sich in der Prostitutionsdebatte, in die sie sich mit der unter dem Ps. Veritas publ. Stellungnahme „Die Prostitution vor dem Gesetz“ (1893) einbrachte. Sie korr. u. a. mit →Bertha Freifrau v. Suttner, →Auguste Fickert und →Rosa Mayreder. Zu der von Elizabeth Cady Stanton hrsg. „Woman’s Bible: A Classic Feminist Perspective“ in den USA verf. sie 1898 einen Kommentar, in dem sie bekräftigte, dass die christl. Religion den Frauen ledigl. eine Art von Leibeigenschaft anzubieten habe. Im Alter trat sie dem Salzburger Freidenkerver. bei und hielt dort 1903 eine vielbeachtete Rede über den „Moralbegriff des Freidenkers“. Im selben Jahr erschien ihre Programmatik des Feminismus, „Katechismus der Frauenbewegung“. T. gilt als eine der ersten Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation in Österr. Der Preis der Stadt Salzburg für Verdienste um die Rechte und Gleichbehandlung von Frauen wurde nach ihr benannt.


Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 469f.

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