Bogišić, Valtazar

Bogišić Valtazar (Baltazar, Baldo, Balthasar, Baldassare), Jurist, Rechtshistoriker, Ethnograph und Soziologe. Geb. Ragusa Vecchia, Dalmatien (Cavtat, HR), 7. oder 20. 12. 1834; gest. Fiume, Ungarn (Rijeka, HR), 24. 4. 1908 (begraben in Cavtat); röm.-kath.

Aus einer serbischen röm.-kath. Familie stammend, Sohn eines Kaufmanns. – B., der ursprünglich den Beruf seines Vaters ergreifen sollte, konnte nur einen Nautiklehrgang vor Ort besuchen. Erst nach dem Tod des Vaters war es ihm ab 1858 möglich, in Venedig das Gymnasium zu besuchen, wo er schon 1859 die Matura ablegte. Danach begann er, dem Ratschlag seines Ragusaner Mentors →Niko (Conte) Pucić (Pozza) folgend, Rechtswissenschaften in München (1861), Wien (1861–63), Berlin und Paris zu studieren. Daneben belegte er philologische und historische Vorlesungen. Er promovierte 1862 an der Universität Gießen mit der Dissertation „Über die Ursachen der Niederlagen des deutschen Heeres im hussitischen Kriege“ zum Dr. phil. und 1865 in Wien zum Dr. iur. B. war 1862–68 (als Nachfolger →Franz von Miklosichs) an der Wiener Hofbibliothek tätig und 1865 Mitbegründer des Vereins Slovanska Beseda, für den er eine „Slavische Bibliothek“ einrichtete. Angeregt durch →Vuk Stefanović Karadžić und →Ivan Kukuljević Sakcinski, sammelte er südslawische Volkslieder und -dichtungen („Narodne pjesme iz starijih, najviše primorskih, zapisa“, 1878). Sein von panslawistischen Ideen und der historischen Rechtsschule Friedrich Carl von Savignys geleitetes Hauptinteresse galt dem Gewohnheitsrecht der Südslawen, das er sowohl theoretisch, durch Erhebung des alten, verschriftlichten Rechts, als auch praktisch, durch eine von ihm als Erstem in den südslawischen Ländern angeregte rechtssoziologische Feldforschung, zu erfassen suchte. 1868–69 war B. als Grenzschulrat in Temeswar mit dem Aufbau des Schulwesens im Banat beschäftigt. 1869 erhielt er einen Ruf als Professor für slawisches Recht an die Universität Odessa. 1872 wurde er beauftragt, das montenegrinische Zivilrecht zu kodifizieren, wofür er umfangreiche rechtssoziologische Untersuchungen durchführte. 1877 war B. kurzzeitig Mitglied der provisorischen bulgarischen Regierung. Mit dem „Opšti imovinski zakonik za Knjaževinu Crnu Goru“ (1888, 5. Aufl. 1980, französisch und deutsch 1892, spanisch 1893, italienisch 1900, russisch 1901) war die Grundlage eines Rechtssystems für das Fürstentum Montenegro gelegt, als dessen Justizminister er 1893–99 fungierte. Ab 1874 hatte B. seinen Hauptwohnsitz in Paris, wo er u. a. die Archive nach südslawischem Material durchsuchte. Die letzten Lebensjahre verbrachte er dort als Privatgelehrter, wobei er viele internationale Kontakte unterhielt. So wurde er als Kapazität auf dem Gebiet des Rechtswesens u. a. vom japanischen Staat konsultiert. B. war hochdekoriert und u. a. Träger des russischen St.-Annen-Ordens II. Klasse, des Kommandeurkreuzes der französischen Ehrenlegion, des königlich-serbischen St.-Sava-Ordens I. Klasse sowie des fürstlich-montenegrinischen Danilo-Ordens I. Klasse. Er war Mitglied vieler gelehrter Gesellschaften, als wirklicher Staatsrat erhielt er den erblichen russischen Adel. Er starb in Fiume auf der Reise in seinen Heimatort. Seine umfangreichen Sammlungen (Bücher, Frühdrucke, Graphiken) kamen mit seinem Privatarchiv (über 10.000 Briefe, darunter 1.430 Schriftstücke von →Josefine Freiin von Knorr) an die Jugoslawische (heute Kroatische) Akademie der Wissenschaften und Künste, die sie in Cavtat als Zbirka Balda Bogišića führt.


Literatur: Brümmer; Giebisch-Pichler-Vancsa; Nagl-Zeidler 3, S. 441.
Referenz: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)

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  • geboren in > Cavtat
  • gestorben in > Rijeka