Seliger, Josef

Seliger Josef, Politiker. Geb. Schönborn, Bez. Reichenberg, Böhmen (Krasná Studánka, Tschechien), 17. 2. 1870; gest. Teplitz-Schönau/Teplice-Šanov, Tschechoslowakei (Teplice, Tschechien), 18. 10. 1920.

Sohn eines Textilarbeiters aus kleinbäuerl. Milieu. Nach Besuch der zweiklassigen Dorfschule war S. 1883–84 als Austauschkind bei einer tschech. Familie, lernte Tschech. und besuchte eine tschech. Schule. 1887–88 befand er sich als Textilarbeiter auf Wanderschaft in Schlesien, Sachsen und dem Rheinland, wo er mit sozialist. Ideen in Berührung kam. Nach seiner Rückkehr nach Reichenberg (Liberec), 1888, schloß er sich der dortigen Arbeiterbewegung an, erwarb sich Grundkenntnisse in sozialist. Theorie, Geschichte und Phil. und war Referent bei polit. und Bildungsveranstaltungen. 1893 fand S. zunächst eine Anstellung beim Konsumver. in Teplitz (bei dem er später Aufsichtsratsmitgl. und im Ersten Weltkrieg Obmann war). 1894–1920 Chefred. der Teplitzer „Volksstimme“ (seit 1898 „Freiheit“), war er daneben ab 1894 als Obmann des neu gegründeten Fachver. der Textilarbeiter in Teplitz und 1897 als Mitbegründer der Gewerkschaftsorganisation der Handelsangestellten seines Bez. aktiv. Ab 1894 fungierte S. außerdem als Sekr. und 1897–1920 als Obmann der Bez.krankenkasse. 1897 erfolgte seine Wahl in die Parteikontrolle der österr. sozialdemokrat. Gesamtpartei. S., 1901 Mitgl. der Exekutive des kurzlebigen Verbandes der dt.böhm. Wahlkreisorganisationen, galt bereits zu Beginn des 20. Jh. als führende Persönlichkeit der dt. Sozialdemokratie Böhmens: ab 1905 war er Mitgl. der Landesparteivertretung Böhmens und 1907–19 Landesparteivors. der dt.böhm. Sozialdemokratie. 1909 wurde sein Entwurf zur Organisation der Gesamtpartei auf dem Reichenberger Parteitag angenommen. 1907–18 Reichsratsabg., war er 1918 zeitweise Vors. des Klubs der dt. sozialdemokrat. Abg.; als Mitgl. der Prov. Nationalversmlg. Dt.österr. wurde er in den Staatsrat entsandt. 1918/19 war er Landeshptm.-Stellv. der dt.böhm. Landesregierung in Reichenberg, die zuletzt nach Wien ausweichen mußte, bevor sie aufgelöst wurde. S. wurde 1919 zum ersten Parteivors. der Dt. SDAP in der Tschechoslowakei gewählt und war 1920 deren Fraktionsführer in der tschechoslowak. Nationalversmlg. Sein Wirken im neuen Staat war jedoch nur von kurzer Dauer: bereits schwer krank, wandte er sich in einem letzten großen Auftritt beim II. Parteitag in Karlovy Vary gegen die sog. Reichenberger Linken. S., ein demokrat. Sozialist aus der Schule Viktor Adlers (s. d.), sah in der Lösung der Nationalitätenproblematik die Voraussetzung für die Umsetzung einer sozialdemokrat. Politik.


Werke: zahlreiche Beitrr. in Der Kampf, Freiheit, etc.
Literatur: AZ, 19. 10. 1920; L. Brügel, Geschichte der österr. Sozialdemokratie 4, 1923, 5, 1925, s. Reg.; Weg Leistung Schicksal, 1972, bes. S. 110 (mit Bild); K. Zeßner, J. S. und die nationale Frage in Böhmen, 1976, S. 257; ders., in: Lebensbilder zur Geschichte der Böhm. Länder 2, 1976, S. 187ff. (mit Bild); F. G. Kürbisch, Chronik der sudetendt. Sozialdemokratie 1863–1938, 1982, S. 27ff.; M. O. Balling, Von Reval bis Bukarest 1–2, 1991, s. Reg.; E. Paul, J. S. (= Schriftenr. der Seligergmd. 1), o. J. (mit Bild); Mitt. Wolfgang Maderthaner, Wien.
Autor: (M. O. Balling)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 152

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  • geboren in > Liberec
  • gestorben in > Teplitz