Saphir, Moritz Gottlieb

Saphir Moritz Gottlieb (Georg), Journalist und Schriftsteller. * Lovasberény, Kom. Fejér (Ungarn), 8. 2. 1795; † Baden (NÖ), 5. 9. 1858.

Hieß ursprünglich Gottlieb Moses S. Entstammte einer orthodoxen jüd. Familie, Sohn eines Kaufmannes und Steuereinnehmers; kam 1806 an die Talmudschule nach Prag, zeigte aber auch bes. Interesse für moderne Sprachen und Literatur. Ab 1814 arbeitete er im väterlichen Geschäft, widmete sich aber daneben bereits Journalist. Tätigkeit. 1822 kam S. auf Einladung A. Bäuerles (s. d.) nach Wien, war bis 1825 maßgeblich an der “Theater-Zeitung“ beschäftigt, bis er Österr. – vermutlich aufgrund einer Ausweisung – verlassen mußte. Er wirkte daraufhin als Journalist, insbes. als Theaterrezensent, in Berlin, wo er 1826 die „Berliner Schnellpost“ und 1827 den „Berliner Courier“ sowie die literar. Vereinigung Tunnel über die Spree begründete, übersiedelte jedoch – wegen ehrenrühriger Skandale – im selben Jahr nach München, auch hier als Red. und Hrsg. („Der Bazar für München und Bayern“, 1830 ff., „Der deutsche Horizont“, 1831 ff.) sowie als Hoftheaterintendanzrat, aber auch als Regierungsspitzel tätig. 1830 wurde seine Münchener Zeit – erneut wegen ehrenrührigen Verhaltens – von einem kurzen Aufenthalt in Paris unterbrochen, den S. zur Bekanntschaft mit Heine und Börne nutzte; 1832 konvertierte er zum Protestantismus. 1834 nach Wien zurückgekehrt, widmete er sich wieder der Arbeit an der „Theater-Zeitung“. 1837 gründete S., der auch häufig als Veranstalter von „Wohltätigkeitsakademien“ und von „Humoristischen Vorlesungen“ zu caritativen Zwecken hervortrat, seine eigene Z., „Der Humorist“, die er bis 1855 hrsg. und red. 1843 besuchte er Leipzig, wo er Kontakte zum polit. und literar. bedeutenden Leipziger Literatenver. (der sich seinetwegen spaltete) suchte. Auch in Wien war S. in zahlreiche literar. Fehden verwickelt, so schon in den 30er Jahren mit Bauernfeld (s. d.); der latente Konflikt mit Nestroy (s. d.) kam 1849 mit einem offenen Brief desselben zu einem für S. unrühmlichen Abschluß. Zu den wenigen Freundschaften, die er in den Kreisen der Wr. Schriftsteller schloß, zählte die mit Castelli (s. d.). Als Kritiker ist S. umstritten, da er bes. in den sozial und polit. spannungsvollen 40er Jahren polem. gegen die demokrat. Tendenzen der Vorstadtbühnen und die nichtlegitimist. Literatur und ihre prominentesten Vertreter zu Felde zog. Als Autor ist S. seit seinen literar. Anfängen ein humorist. bis satir. Nachahmer von J. Paul und Börne. Die Theaterstücke S.s waren von geringem Erfolg; seine Ged., bes. die mehrmals aufgelegten „Wilden Rosen“, in der Manier Rückerts, genossen große Popularität.


Werke: (Erstaufl.): Poet. Erstlinge, 1821; Der Eiserne Abschiedsbrief . . ., 1828; Der getödtete und dennoch lebende M. G. S. . . ., 1828; Die Runde des großen, steinernen Apoll’s aus dem Thiergarten . . ., 1829; Humorist. Abende, 1830; Ges. Schriften, 4 Bde., 1832; Neueste Schriften, 3 Bde., 1832; Dumme Briefe, Bilder und Chargen, Cypressen, Literatur- und Humoral-Briefe, 1834; Wilde Rosen, 1838; Humorist. Damen-Bibl., 6 Bde., 1838–41; M. G. S. am Plaudertische, 1843; Fliegendes Album für Ernst, Scherz, Humor und lebensfrohe Laune, 2 Bde., 1846; Humorist.-satyr. Volks-Kal. . . ., 8 Bde., 1850–58; Blaue Bll. für Humor, Laune, Witz und Satyre, 6 Tle., 1855–56, Neuaufl., 1 Bd., 1865; Pariser Briefe über Leben, Kunst, Ges. und Ind. . . ., 1856; Wilde Rosen. Neue Auswahl, 1856; Deklamations-Soirée für Ernst und Scherz, Geist und Herz, 1858; Schriften, 10 Bde., 1862–1863; Halbedelstein des Anstoßes, hrsg. von W. Zitzenbacher ( = Stiasny-Bücherei 158), (1965); Mieder und Leier, hrsg. von M. Barthel, 1978, Neuaufl.: Mutterwitz und Vatermörder, 1980; Schriften, 26 Bde., o. J.; Ausgewählte Werke, hrsg. von G. Glück ( = Dt.-Österr. Klassiker-Bibl. 28), o. J.; etc. Hrsg.: Berliner Theater-Almanach auf das Jahr 1828, (1827); Conditorei des Jokus . . ., 1828; Carneval- und Masken-Almanach . . ., 1834; Der Humorist 1 ff., 1837 ff.; Conversations-Lex. für Geist, Witz und Humor, 5 Bde., 1851–52; etc. Nachlaß, Wr. Stadt- und Landesbibl., Wien
Literatur: Wr. Theater-Ztg. vom 18. 2. 1849; K. Glossy, Aus dem Vormärz, in: Jb. der Grillparzer-Ges. 10, 1900, S. 326 ff.; ders., S., in: Österr. Rundschau 16, 1908, S. 308 ff.; F. Behrend, S. als Begründer des Tunnels über die Spree, in: Das literar. Echo 20, 1917/18, Sp. 1064 ff.; Euphorion 23, 1921, S. 722 ff.; A. Sauer, Bauernfeld und S., in: Jb. der Grillparzer-Ges. 27, 1924, S. 36 ff.; H. Kügler, Die Berliner Redensart „Det heeßt Otto Bellmann“ (M. G. S. in Berlin), in: Z. für dt. Philol. 73, 1954, S. 306 ff.; ADB; Goedeke, s. Reg.; Groner; Nagl–Zeidler–Castle 2–4, s. Reg.; Wurzbach; A. Sauer, Ges. Schriften 1, 1933, S. 141 ff., 270; V. Haydn, S. als Theaterkritiker, phil. Diss. Wien, 1934; S. Kösterich, S.s Prosastil, phil. Diss. Frankfurt, 1934; M. Robitsek, S. M. G. ( = Minerva-könyvtár 126), 1938; H. Zentner, Das Eindringen des Judentums in die dt. Literatur des 19. Jh. Dargestellt an M. G. S., phil. Diss. Wien, 1939; S. Friedländer, S. M. G. Tanulmány a zsidó asszimilációs törekvések kezdeteirol ( = Minervá-könyvtár 139), 1939; I. Müller, S. in München, phil. Diss. München, 1940; H. Swoboda, „Der Humorist“, phil. Diss. Wien, 1948; W. Hainschink, Die witzige Kritik, dargestellt an . . . M. G. S . . ., phil. Diss. Wien, 1950; O. Rommel, Die Alt-Wr. Volkskomödie, (1952), s. Reg.; A. Lippe, Verfallserscheinungen in der Theaterkritik. Dargestellt an M. G. S., phil. Diss. Berlin, 1954; L. Kahn, M. G. S., in: Publ. of the Leo Baeck Inst. Year Book 20, 1975, S. 274ff.; A. Estermann, Die dt. Literatur-Z. 1815–50, 1–10, 1977–81; H. Ederer, Die literar. Mimesis entfremdeter Sprache, 1979, bes. S. 116 ff., 424 ff.; H. Sch (neider), Komödie des Lebens – Theorie der Komödie, in: Hegel in Berlin, hrsg. von O. Pöggler ( = Staatsbibl. Preuß. Kulturbesitz. Ausst.Kat. 16), 1981, S. 79ff.; W. Neuber, Nestroys Rhetorik, in: Die österr. Literatur, hrsg. von H. Zeman, 1982, s. Reg.; J. Toury, M. S. und K. Beck – zwei vormärzliche Literaten Österr., in: Juden im Vormärz und in der Revolution von 1848, hrsg. von W. Grab und J. H. Schoeps ( = Stud. zur Geistesgeschichte 3), (1983), S. 138 ff.
Autor: (W. Neuber)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 45, 1988), S. 419f.

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