Švehla, Antonín d. J.

Švehla Antonín d. J., Politiker. Geb. Hostiwar, Böhmen (Praha, CZ), 15. 4. 1873; gest. ebd., 12. 12. 1933.

Aus einem alten Bauerngeschlecht stammend. Sohn des Großbauern, langjährigen Bgm. von Hostiwar und Organisators einer Bauernbewegung Antonín Š. d. Ä. (1837–1900); ab 1899 verehel. mit Bohumila Cecelsková (1876–1964). – Nach Besuch des tschech. Gymn. in Prag sowie des dt. Gymn. in Böhm. Leipa (Ceská Lípa) besuchte Š. dort die landwirtschaftl. Fachschule. Seine ökonom. Kenntnisse eignete er sich autodidakt. an und führte nach dem Tod des Vaters ab 1900 das Familiengut. 1893 begann er seine öff. Tätigkeit als Begründer, Turnlehrer und Vorsteher der Sokolgmd. in Hostiwar. Polit. trat er erstmals 1900 auf dem Bauerntag in Prag hervor, 1902 wurde er zum stellv. Vors. des Sdružení ceských zemedelcu, 1903 zum Präs. von dessen Druckereigenossenschaft gewählt. Š. war ein hervorragender Organisator, ein Mann der Praxis und Realpolitik. Im Dezember 1905 unterstützte er die Einführung des allg. Männerwahlrechts und erwarb sich große Verdienste um die Umgestaltung der konservativ eingestellten Tschech. Agrarpartei in eine demokrat. Partei. 1907 gründete er die Bauerndruckerei in Prag und die Tagesztg. „Venkov“. Ab 1908 war Š. böhm. LT-Abg. und Obmann des tschech. agrar. Klubs, 1908/09 führte er den Streik tschech. Rübenbauern gegen das Zuckerfabrikskartell an. Ab 1909 war er Vors. der Tschech. Agrarpartei und gehörte damit zu den einflussreichsten tschech. Politikern. Der erste Höhepunkt seiner polit. Tätigkeit war 1915 die Berufung zum Sekr. des von Vertretern aller tschech. polit. Parteien zusammengestellten Nationalausschusses, wodurch er die tschech. Politik in Prag sowie das Verhalten der tschech. RR-Abg. in Wien wesentl. beeinflussen konnte. In den letzten Kriegsjahren widmete er sich vornehml. Wirtschaftsfragen, war Vors. des Wirtschaftsrats, kontrollierte das Prager Getreide-Inst. und organisierte Selbsthilfeaktionen wie „Ceské srdce“. Š. war einer jener vier Politiker, die Ende Oktober 1918 in Prag den tschechoslowak. Staat ausriefen. In der ersten Nachkriegsregierung unter →Karel Kramár wurde Š. zum einflussreichen Innenminister. 1922–29 war er tschechoslowak. Ministerpräs. (mit Unterbrechung durch eine kurze Beamtenregierung vom März bis Oktober 1926). Seine Amtstätigkeit gilt als die erfolgreichste in der Tschechoslowak. Republik. Š. war weitaus mehr Staatsmann und Gegner von Extremen als Parteiführer. Als Anhänger breiter Koalitionen nahm er im Oktober 1926 dt.-böhm. sowie slowak.-kath. Minister in seine Regierung auf und strebte eine übernationale Verständigung an. 1927 ernsthaft erkrankt, musste er im Dezember 1929 von allen Ämtern zurücktreten. 1925 Dr. h. c. techn.


Werke: Tri úvahy o agrarismu, 1925; Reci k mládeži, ed. J. Hakl, 1937; Reparský boj, ed. ders., 1938; Švehla v dopisech našich politiku a kulturních pracovníku, ed. J. Falta, 1939, 2. Aufl. 1940 (mit Reden von Š.).
Literatur: O. Frankenberger – J. O. Kubícek, A. Š. v dejinách Ceskoslovenské strany agrární, 1931; dies., Na pamet A. Š., 1933; J. Prokeš, in: Tvurcové dejin 5, 1936, S. XI; A. Palecek, in: Czechoslovakia Past and Present 1, 1968, S. 30ff.; ders., in: Slavic Review 21, 1969, S. 699ff.; ders., in: Bohemia 18, 1977, S. 175ff.; ders., ebd. 19, 1978, S. 176ff.; J. W. Brügel, in: East Central Europe / L’Europe du Centre-Est 10, 1983, S. 155ff.; F. Mayer, in: East European Quarterly 23, 1989, S. 339ff.; V. Dostál, A. Š., 1989 (m. B.); V. Vondruška, Osudy agrárního politického hnutí, 1990; J. Halada, in: Historický obzor 10, 1992, S. 291ff.; J. Hanzal, A. Š., 1993; V. Dostál, Agrární strana, její rozmach a zánik, 1998; Politická elita meziválecného Ceskoslovenska 1918–38, 1998 (m. B.); J. Rokoský, Ceská strana agrární na pocátku první svetové války, 1999; D. E. Miller, Forging Political Compromise: A. Š. and the Czechoslovak Republican Party 1918–33, 1999 (m. B., auch tschech.); ders., in: Osobnost v politické strane 2, 2000, S. 263ff.; J. Rokoský, in: Politické strany 1, 2005, S. 414ff.; J. Harna, ebd., S. 553ff.
Autor: (J. Koralka)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 63, 2012), S. 69f.

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