Ringelblum, Emanuel

Ringelblum Emanuel, Historiker. Buczacz (Bucac, Galizien), 21. 11. 1900; Warschau, 7. 3. 1944 (ermordet).

Sohn eines Kaufmannes; stud. 1919–24 an der Univ. Warschau Geschichte, Volkswirtschaft und Soziol., 1927 Dr. phil. Ab 1925 arbeitete R. an dem neugegründeten Jüd. Wiss. Inst. (YIVO) in Wilna (Vilnjus) mit, das sich in erster Linie den Gemeinden mit jidd. Umgangssprache widmete. Er unterrichtete daneben auch einige Zeit am jidd. Gymn. Nach seiner Rückkehr nach Warschau gründete er dort eine Sektion des Inst. und gehörte auch zu den Mitbegründern des Kreises junger Historiker, der die Z. „Der yunger Historiker“ herausgab. Ab 1927 war er als Prof. für Geschichte an verschiedenen jüd. Schulen in Warschau tätig. Er betätigte sich in der dem linken Flügel angehörenden Partei Poalej Zion (Arbeiter Zions) und beteiligte sich an der Arbeit des Zentralen jüd. Schulverbandes. Ab 1929 war er Red. des Organs der jüd. Genossenschaften „Folkshilf“. 1938 wurde er vom American Jewish Joint Distribution Committee als Leiter der Hilfsaktion für 17 000 aus Deutschland vertriebene Juden nach Zbaszyn entsandt. 1939 war er Delegierter beim 21. Zionistenkongreß in Genf. Während des Belagerungszustandes und der Luftangriffe auf Warschau (1939) gehörte R. zu den ständigen Mitarbeitern des Koordinationsausschusses der jüd. Hilfsorganisationen. Nachdem aus diesem Ausschuß die Jüd. Soziale Selbsthilfe hervorgegangen war, leitete R. diese Abt. Neben seiner aufopfernden sozialen Tätigkeit und der Organisation des Widerstandes arbeitete R. auch wiss. weiter. Nach der Errichtung des Ghettos für die jüd. Bevölkerung Warschaus (1940) organisierte er unter dem Decknamen Oneg Schabbath (Sabbatfreude) ein großangelegtes Untergrundarchiv, für welches er und zahlreiche Helfer kontinuierlich Berr., Dokumente, Ztg. etc. sammelten. Das Material wurde 1943 in Behältern aufgehoben und an drei Stellen vergraben. 1946 und 1950 konnten zwei dieser Geheimarchive aus den Ruinen geborgen werden. Dieses Material ist die wichtigste Quelle für die Erforschung der Geschichte des poln. Judentums während des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Zusammenbruch des Ghettoaufstandes (1943) war R. einige Zeit im KZ Trawniki, konnte aber von Freunden befreit und in Warschau von Nichtjuden versteckt werden. 1944 wurde sein Versteck entdeckt und R. mit seiner Familie erschossen. W. (tw. in mehreren Sprachen erschienen): Zydzi w Warszawie (Die Juden in Warschau), 1932; Zydzi w powstaniu kosciuszkowskim (Die Juden im Kosciuszkoaufstand), 1938, jidd. 1937; Pisma z getta (Berr. aus dem Ghetto), in: Biuletyn Zydowskiego Inst. Historycznego 2 f., 11/12, 13/14, 15/16, 25, 1951–58, jidd.: Ksuvim fun Getto, 2 Bde., 1961–63, dt.: Ghetto Warschau, (1967); Kapitlen Geschichte fun amolikn jidischen Lebn in Pojln (Kapitel aus dem Leben der Juden in Polen in früheren Zeiten), 1953; Stosunki polsko zydowskie podczas II wojny swiatowej (Jüd.-poln. Beziehungen im Zweiten Weltkrieg), in: Biuletyn Zydowskiego Inst. Historycznego 28–31, 1958–59; etc.


Literatur: Yad Vashem Bulletin 16, 1965, S. 16 ff.; Yad Vashem Stud. 7, 1968, S. 173 ff.; Biuletyn Zydowskiego Inst. Historycznego; 1973, S. 111 ff.; Enc. Jud.; W. Enc. Powsz. PWN I; B. Mark, Powstanie w getcie warszawskim, 1963; T.Berenstein – A. Rutkowski, Pomoc Zydom w Polsce 1939–45, 1963; A. Tartakower, E. R., in: E. R., Ghetto Warschau, (1967). S. 7 ff.; S. Wronski – M. Zwolakowa, Polacy i Zydzi, 1971.
Autor: (Sh. Spitzer)
Referenz: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 42, 1985), S. 168

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